Zu den Revolutionen in Nordafrika und im Nahen Osten

Veröffentlicht am 28. Januar 2011
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Der Gegensatz zwischen Nord und Süd könnte im Augenblick nicht größer sein. Während der Norden damit beschäftigt ist, ganzheitliche Konzepte zum Erhalt des eigenen Wohlstandes zu erarbeiten, ist der Süden in Aufruhr. Das letzte Jahrzehnt war ein südamerikanisches, das aktuelle ist bereits jetzt arabisch. Nachdem uns die Herrschaft der Taliban in den 1990ern und Al-Kaida seit dem 11. September 2001 die Rückständigkeit der anderen Religion1 vor Augen geführt und uns so in Angst und Schrecken versetzt hatten, dass wir unsere edlen Prinzipien verdrängten, werden wir nun eines Besseren belehrt. Was im Juni 2009 in Teheran begann2, setzt sich nun weiter fort: Menschen gehen auf die Straße, um ihre universellen Rechte und Freiheiten einzufordern.

Doch was macht der Westen? Er ist geschockt und weiß nicht, was er tun soll. Die Angst gegenüber dem Islam lässt sich in einem ohnmächtigen Ausruf zusammenfassen: Die glauben ja wirklich, was sie glauben sollen! Das derzeitige Dilemma des Westens ist, dass er spätestens seit der Gründung der Vereinten Nationen die Universalität der Menschenrechte predigte, diese aber nur sehr zögerlich einforderte. Und nun steht die islamische Welt gemäß des uralten christlichen Sprichworts »Hilf’ Dir selbst, dann hilft Dir Gott« auf den Barrikaden.

Der tunesische Diktator Ben-Ali, bei dem der Westen seit 1987 beide Augen zugedrückt hatte, floh nach Saudi-Arabien, nachdem sich die Gerüchte, dass er womöglich Schutz von ihm wohlgesonnenen europäischen Mächten erhalten würde, nicht bestätigten.3 Aber was ist schon Tunesien? Ein Urlaubsland, dem man die Diktatur nicht wirklich ansah. Wen juckt es schon, wenn die ihren Diktator absetzen? Im Jemen geschieht ähnliches, doch wen interessiert der Jemen?4 Hin und wieder werden Touristen entführt — selbst Schuld, wer will schon dorthin? Im Libanon sorgt die Hisbollah für einen kleinen pro-syrischen Staatsstreich.5 Geschenkt, sollen sie doch, die Syrier werden gerade richtig umgänglich.

Die eigentliche Frage ist: Was machen wir jetzt mit Ägypten? Wie zuvor im Iran und in Tunesien stehen Menschen Tag und Nacht auf der Straße. Aber Ägypten ist anders — Ägypten ist wichtig. Für uns.6 Die eigentliche Frage der westlichen Überlegungen ist doch: Bekommt der alte Mubarak noch die Kurve und lässt seinem Sohn alsbald den Vortritt, der dann das Land in unserem Sinne weiterführt7 oder müssen wir wirklich den Freigeist el-Baradei unterstützen8, der sich noch nicht hundertprozentig geäußert hat und der sich bekanntermaßen nicht für unsere Späße mit Iran und Irak einspannen ließ?9 In unserem Sinne kann nur eines bedeuten: Wir wollen, dass am Suezkanal Ruhe herrscht. Schließlich müssten unsere Schiffe sonst einen riesengroßen Umweg um Afrika herum machen. Dann müssten wir uns richtig um Somalia kümmern. Doch seitdem die GIs medienwirksam durch die Straßen geschleift wurden10, herrscht dort Ideenlosigkeit.11 Und überhaupt: Wozu haben wir uns diesen Kanal buddeln lassen, wenn wir ihn nicht benutzen können?

Im Kalten Krieg war rot die böse Farbe, spätestens seit dem 11. September 2001 ist die grüne Gefahr on top. Glücklicherweise weht die grüne Flagge auch in der ägyptische Politik. Die nennt sich dort Muslimbrüderschaft und bezieht nur sehr zögerlich Stellung zu den Protesten.12 Außergewöhnlich für die mit 30 Prozent immerhin größte Oppositionsgruppe. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt: Sind sie am Ende die Kumpis von Mubarak? Brauchte Mubarak die Brüder, um seine illegitime Herrschaft vor dem verängstigten Westen zu rechtfertigen? Ist der religiöse Konflikt zwischen Christen und Muslimen letztendlich doch nicht so schlimm wie angenommen? Als sich pünktlich zum Jahreswechsel ein Selbstmordattentäter vor einer koptischen Kirche in Alexandria selbst verwirklichte13, meldeten sich die niederländischen Muslime zu Wort und gaben zu Protokoll, dass sie die Kopten vor Al-Kaida schützen werden.14 In Ägypten passiert gerade etwas ähnliches: Christen sagen, dass sie die Muslime während der Freitagsgebete vor dem Zugriff durch die Polizei schützen würden.15 Eine unterdrückte religiöse Minderheit schützt die sie unterdrückende Mehrheit? Kann es vielleicht sein, dass die Unterdrückung eher institutionell ist und sich beide Gruppen als Ägypter sehen, die das gemeinsame Ziel Freiheit vereint? Das würde ja auch bedeuten, dass ein Gutteil der religiösen Spannungen der letzten Jahrzehnte in Wirklichkeit nicht religiöser Natur waren und dass wir im Westen etwas Falsches angenommen und geglaubt haben!

Es gibt Veröffentlichungen, die zu dem Ergebnis kommen, dass Al-Kaidas Habitus mehr Gemeinsamkeiten mit säkularen militanten Gruppen aus dem Westen als mit dem Islam hat.16 Das würde sie mit der RAF, der IRA und mit der ETA auf eine Stufe stellen. Dann allerdings wäre der Konflikt ein völlig anderer und wir hätten mit der Anti-Islamisierung des Westens sehr viel Porzellan zerbrochen.17

Falls man sich vor diesem Hintergrund die Argumente des überall auf der Welt weit verbreiteten Anti-Amerikanismus anhörte, sich ferner selbst gestattete, sie zu hinterfragen, und wenn man die USA als das Symbol des Westens akzeptierte, käme man leicht so weit zu begreifen, dass wenn amerikanische Flaggen verbrannt werden, eigentlich auch unsere verbrannt werden. Falls man darüber hinaus noch nach einem Grund für die verkohlten Freiheitssymbole suchen würde, käme man vielleicht zu folgendem: Der Westen führt sich eigentlich noch immer auf wie eh und je. Unser Interesse besteht einzig und allein in stabilen, möglichst preiswerten Rohstoffimporten und der Rest ergibt sich.18

Aber was ist dann mit den Menschenrechten?