Spät, aber immerhin.

Veröffentlicht am 9. Februar 2011
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Ja, ich weiß: Jahresrückblicke werden im Dezember gemacht. Mir doch egal. Die Chinesen feiern auch erst jetzt und da regt sich auch keiner auf. Gut, vielleicht liegt’s ja daran, dass die mehr Einwohner haben als die EU, die USA und Russland zusammen. (Daran würde selbst eine eingebürgerte Türkei nichts ändern.) Außerdem war 2010 bei denen das Jahr des Tigers und das klingt schon irgendwie verwegen. Andererseits überkommt mich ein lasches Gefühl, wenn ich an 2010 denke. Auf meine gefühlte Jahres-Hitliste hat es es jedenfalls nicht geschafft. Vielleicht wird alles besser, wenn ich mir die Monate einzeln vornehme.

Januar. Die Asse wird ausgeräumt, eine mit Steuersündern kontaminierte CD wird gefunden. Keiner weiß, was man damit machen soll. CDs sind auch ziemlich 1996. Frau Käßmann sagt, dass in Afghanistan Krieg herrscht. Na sowas. Seit 2001 befrieden wir das Land und auf einmal ist Krieg. Was will man dazu sagen? Huch?

Februar. Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, für größere lässt er sich für gewöhnlich etwas mehr Zeit. Im Fall Käßmann dauert die Urteilsfindung knapp einen Monat und drei Gläser Wein. Derweil stellt man in Stuttgart langsam fest, dass die Bahn den schönen Bahnhof wirklich wegreißen will. Davon spricht sie ja auch erst seit 15 Jahren. Naja, das Ländle hat ein anderes Zeitempfinden. Berlin dagegen ist so hektisch, dass Helene Hegemann keine Zeit hat, ihren Roman mit eigenen Gedanken zu füllen. Also leiht sie sich kurzerhand ein paar Zeilen aus. Das Ergebnis ist ein Cut-Up zum Thema »Lady Gaga schrammt an Charles Bukowski, Edward St. Aubyn und vielleicht auch Klaus Kinski vorbei«. Dennoch packt sie das intellektuelle Feuilleton bei den Eiern. Anders lässt sich diese mysteriöse Aufgeregtheit nicht erklären.

Vielleicht liefert der März einen Hinweis. Kinderpoppen ist jetzt auch für Katholiken falsch. Bischof Mixa ist entsetzt. Diese verwirrten 68er haben ihn schon wieder angeschmiert. Predigen Wein und saufen heimlich Wasser. Sogar dem Papst bleibt die Spucke weg. Kinderpoppen und Selbstkasteiung sind doch die Grundpfeiler des Zölibats. Aber es kommt noch schlimmer. Wenn man dem Boulevard Glauben schenkt, dann wollen diese verdammten Heiden wirklich schwarze Löcher bauen. Und das ausgerechnet in der Schweiz! Da müsste man doch glatt die Schweizergarde entlassen. Ein Glück, dass der Vatikanstaat von diesen naiven Italienern umgeben ist. Auf nichts ist mehr Verlass in dieser Welt.

Das lernt die Welt selbst im April. Was das kleine Mädchen für Vietnam war, ist die Battlefield-Realsatire der US-Armee für den Irak. Da verhalten sich junge Soldaten doch tatsächlich wie Cowboys. Wir sind schockiert. Diese Internet-Hippies von Wikileaks gönnen einem aber auch nicht die kleinste Illusion. Überhaupt ist der Monat voller Katastrophen. Obama und Medwedew wollen ihre Atomwaffenlager verkleinern. Jetzt können wir den Planeten nur noch zehnmal völlig vernichten. Ob das reichen wird? Die politische Elite Polens stirbt bei der Landung auf Katyn. Das ist schlimm, denn der sarkastische Reflexkalauer bleibt bei dem Gedanken an das, was kommt, im Halse stecken: Der übrig gebliebene Wutzwerg geht mit seinem toten Bruder hausieren und macht im Wahlkampf so viel Terz wie zwei. Ach ja. Im Golf von Mexiko gibt’s dank BP jetzt auch Teppiche. Die Küstenbewohner bekommen das Öl fast frei Haus geliefert. Wie früher die Milch, nur kostenlos. Irgendwie scheint sich aber keiner darüber zu freuen.

Im Mai wird wieder alles gut. Wir sind Lena. Doch dann sagt Horst, was im Weißbuch der Bundeswehr seit Jahren zu lesen ist und deshalb sagt Jürgen Trittin, der Bundespräsident steht nicht auf dem Boden des Grundgesetzes. Horst hat die Faxen dicke und schmeißt hin. Unser Horst, das kann er doch nicht machen! Wir brauchen doch seine unbeholfene Art, er ist unser George W. Bush. Nur ohne Macht. Wieder einmal wird klar, wie seltsam die Briten sind. Haben eine Königin und wählen trotzdem. Das Ergebnis klingt erschreckend vertraut: Konservativ, liberal und demokratisch.

Der Monat auf den das Land seit zwei Jahren hinfiebert, hat endlich begonnen: Junijuli, der WM-Monat! Die Wirtschaftsleistung Europas größter Industrienation wird von ein paar Pfeifen in Südafrika bestimmt. Außerdem sind wir fortschrittlich, wir gestatten dem Neger nämlich, unsere WM auszurichten. Doch was macht er damit? Er versaut sie uns mit seiner bekloppten Buschtröte! Im Fernsehen muss man seine Worte zwar politisch korrekt wählen, aber am Ende wissen wir doch alle, was Sache ist. Wenigstens waren die Stadien rechtzeitig fertig. Naja, die haben wir schließlich selbst gebaut. In Bellevue gibt’s ein großes Casting. Der Schwiegersohn aus Niedersachsen liefert sich eine harte Battle mit dem mecklenburgischen Protestpfaffen. Dumm nur, dass darüber Muttis Mehrheitsmacher entscheiden und nicht wir. Aber das hilft der Volksseele, um über den Schmerz des dritten Platzes hinwegzukommen. Die Internethippies melden sich aus Afghanistan. Die scheinen sich dort wohlzufühlen.

August ist’s schon. Sarrazins Buch schlägt hart und laut im Sommerloch auf. Die Intelligenz ist aufgebracht, der Rest klatscht Beifall. Fast könnte Google deshalb die Hauswände der Republik ungestraft veröffentlichen. Zum Glück schreien sich die Datenschützer auf die Titelseiten des Boulevards. So können die Grünen wenigstens dafür sorgen, dass niemand ihre Parteizentrale sehen darf. Das ist fast wie Christo, nur kostenlos und für immer.

Im September bekommen Kompetenzkompetenz und Wissenschaftswissenschaft einen kleinen Austiegsaustieg. Die zwei strahlen voller Stolz wie tausend Sonnen. Fast wie Kim Jong Il nach den Gesichtsoperationen seines Sohnes. Endlich trifft er den Vater im Sohne wieder – ein Dreigenerationenduo quasi. Wenn die Ösis wüssten, dass sowas auch ohne Zuchtkeller geht. Die Spanier werden langsam frech. Erst bekommen sie unseren Weltmeistertitel, obwohl sie bei uns tief in der Kreide stehen und jetzt wollen die unsere Hochtief kaufen. Ja was nun? Sind die pleite oder nicht?

Die Internethippies haben sich offenbar ein Medienabo besorgt. Im Oktober ist mal wieder der Irak dran. Naja, noch immer besser, als Joschkas späte Rache spüren zu müssen. Da sagt doch so ein nicht mundtot zu kriegender Historikerrat, dass das Auswärtige Amt in brauner Soße schwimmen würde. Wenn das der Führer wüsste. Apropos Führer: Heiner Geißler ist der Helmut Schmidt der Graswurzeln.

November. Unsere Bundesmutti bekommt unerwartet Post aus dem Jemen und findet den Inhalt überhaupt nicht toll. Zur Strafe darf der Jemen ihr keine Päckchen mehr schicken. Und ihren Kumpis auch nicht. Und das tut uns viel mehr weh als dem Jemen: Weihnachten steht vor der Tür. Offenbar bringt das die Griechen auf eine Idee, doch so leicht lassen wir die nicht vom Haken, dafür sind deren Schulden viel zu hoch. Apropos Haken: Der Papst erlaubt männlichen Prostituierten, Kondome zu verwenden. Anorganischer Hirtenschutz sozusagen.

Dezember. Na endlich: Der Oberhippie ist im Knast. Das muss ein Fest gewesen sein, diese zwei Frauen einander vorzustellen. Fast so schön wie Berlusconis Gesicht im Parlament, als seinen Gegnern klar wird, dass der von langer Hand vorbereitete Putsch soeben demokratisch vereitelt wurde. An der Elfenbeinküste will der alte Oberhäuptling nicht einsehen, dass jetzt der neue dran ist. Hoffentlich machen die nicht wieder Rumble in the Jungle, sonst ist mein Frühstückskakao bald teurer als mein Feierabendbier. Der Ali in Tunesien hat auch keinen Spaß, seine Subjekte sind bockig mit ihm. Bekommt er schon wieder hin. Zur Not schickt ihm der Sarko ein extragroßes Weihnachtspaket. Das Jahr endet, wie es begonnen hat: Eine Frau sagt, dass in Afghanistan Krieg herrscht. Dieses Mal ist es die Bundesmutti, aber was die sagt, weiß eh längst jeder.