Lassi & ich

Veröffentlicht am 30. November 2008
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Da steht es nun: Mein erstes Lassi. Am seltsamsten Platz, den man sich für ein erstes Mal aussuchen kann: das BordBistro.

Ich habe verschlafen. Ein gefühltes Promille tanzt mir immer noch durchs Blut, weshalb ich die Augen nicht aufmachen, geschweige denn aufstehen mag. Ich werde durch meinen persönlichen Weckdienst nach einer dreiviertelstündigen Bearbeitungszeit dann doch aufgestanden und preise mich für meinen nächtlichen Genius: Die Anziehsachen und die Mitnehmsachen liegen startklar und konzentriert beieinander. Das hilft im doppelten Sinne: Einmal, weil mein Hirn noch nicht so munter ist, als dass ich nicht doppelt so lange für alles bräuchte und selbst dann noch die Hälfte vergäße. Und zum Anderen, weil ich – für meinen Pegel – in Rekordzeit startklar bin.

Draußen fallen nasskalte Schneeflocken, der Himmel ist eine ziemlich tiefhängende, graue Wand, die Autos fahren mit Licht; warum bin ich aufgestanden? Das ist überhaupt kein Aufstehwetter, ganz im Gegenteil: Das ist Weiterschlafwetter! Kurz bevor mich mein innerer Empörungstsunami erfasst,  fällt es mir wieder ein: Ich möchte Zug fahren oder so. Begeistert stelle ich fest, dass ich sowohl laufen als auch kompliziert denken kann, denn ich bin schon an der Haltestelle und sehe eine Bahn gerade abfahren. Immerhin muss ich mich jetzt nicht beeilen.

Eine Fernsehschauspielerin und – ich schätze – ihre Enkeltochter warten auf dieselbe Bahn. Großmütterchen wendet sich ab, ihr Blick lässt mich vermuten, dass sie der Ansicht ist, ich schaute in ihre Richtung, weil ich weiß, wer sie ist. So’n Ego ist schon was Feines, denke ich mir und schaue weiter auf die Enkeltochter. Dann aber fällt mir ein, dass ich das ja nicht die ganze Zeit machen kann, außerdem wollte ich meine Zeitung lesen. Deshalb habe ich sie schließlich eingepackt. Also lese ich Zeitung.

Straßenbahnen zum Samstagmorgen in Berlin sind ein Phänomen. In anderen Städten regt sich um diese frühe, fast noch nächtliche Uhrzeit ein pietätvolles Nichts, will sagen: Die Busse und Bahnen fahren, weil’s eben auf dem Plan so steht. In Berlin sind die Dinger proppenvoll. Scheinbar muss der Senat eine heimliche ABM-Maßnahme»BVG nutzen« finanzieren, um die Öffentlichen grundzufüllen. Vielleicht ist es wie bei einem Restaurant: Ist es leer, geht keiner hinein, ist es voll, will jeder einen Platz. Ich muss mir also meinen Weg durch die mir viel zu volle Bahn kämpfen und zu allem Überdruss noch einen Sitzplatz erheischen. Aber: Je größer der Wille, umso kleiner das Problem. Ich sitze.

Beim Aussteigen denke ich mir, dass ich den Fernsehturm heute noch überhaupt nicht gesehen habe. Muss wohl an der tiefhängenden Wolkenwand liegen. Halt! Das ist nicht wahr. Ich habe ihn heute schon gesehen. In den frühen Morgenstunden stand ich doch am Rande eines Beetes zu seinen Füssen und war beseelt von einem erhebendes Gefühl: Irdisch erleichternd und überirdisch der angestrahlte, in den Nachthimmel hineinragende Raketenkörper, genannt Fernsehturm. Damit ist meine Welt wieder in Ordnung. Ohne einen Blick auf den Fernsehturm zu erheischen verlässt man die Stadt nicht. Aus der Bahn heraus dränge ich mich an ein paar Leuten vorbei, um die S-Bahn zu erreichen, die dann doch noch eine Minute wartet, bis sie losfährt.

Und hier sitze ich nun. Den letzten Abend noch im Blut, vor mir zwei Halbschöne mit Beziehungsproblemen von denen ich nichts mitbekommen will und hinter mir eine Dame, die von Berlin abwechselnd nach Altenburg und Leipzig fährt, heute nach Altenburg muss, aber nur bis Leipzig gezahlt hat und irgendwas hat dann am Automaten nicht geklappt und wenn sie jemand anruft, erzählt sie’s ihm mit derselben Aufgeregtheit, als wäre es gerade erst passiert. An mir vorbei zieht die Lutherstadt im Winterschlaf – ich beneide sie aufrichtig –, auf den Strommasten sitzen schwarze Knäuel und wärmen sich, die entfernten Wälder sind vom Frühnebel, der ganz schön spät dran ist, eingelullt. Und vor mir steht die kleine Flasche Mango-Passionsfrucht-Lassi. Aufmerksam lese ich die Etikettierung. Man muss ja wissen, auf was man sich da einlässt. Auf der Flasche steht, dass heute Samstag sei. Gut. Sie behaupten auch, dass jeder Tag Lassitag ist, da haben sie bestimmt ein Etikett für jeden Tag. Ich lese unbekümmert weiter. Heute sei mein Biertag. Ich schaue mich um. Woher wissen die das? Vielleicht ist das eine Tarnfirma von Herrn Schäubles flinker Truppe, die die Möglichkeiten des BKA-Gesetzes schonmal als Pilotprojekt testet? Und weil sie wissen, dass Samstag mein Biertag ist, und sadistisch sind und wissen wollen, wie aufnahmefähig ich am Morgen nach einem Abend wie gestern noch bin, präparieren sie unschuldige Lassi-Flaschen. Hui. Ich drücke meinen Puls wieder in gesunde Regionen zurück und rede mir ein, dass das bestimmt nur auf statistischen Erhebungen beruht, deren zufolge Bier samstags am wahrscheinlichsten konsumiert wird.

Vor dem Öffnen schütteln. Nicht danach. Sagt das Etikett. Klingt vernünftig, denke ich und schüttele. So, jetzt wird es ernst. Tief durchatmen. Langsam umfasse ich den Verschluss, drehe ihn ab, lege ihn beiseite, nehme die offene Flasche in die eine, das Glas in die andere Hand, halte es schräg und… denke mir: Bäh! Das sieht aus wie feuchter Auswurf im Mixer. Ein Glück, dass mein Magen noch leer ist. Schräg gegenüber sitzt eine ältere Dame und schaut mich mitfühlend-skeptisch an. Ich zögere. Noch kann ich aufhören. Ich muss nichts tun, was ich nicht will. Auf brechtisch heißt das: Wer A sagt muss nicht B sagen, wenn er erkennt, dass A falsch ist. Aber nein. Der Lassitrend ist schon fast wieder verklungen und ich habe ich entsprechend schon fast verpasst. Ich muss mich ihm stellen, ich kann nicht immer meine Augen vor dem, was ich sehe, verschließen. Selbst wenn es mich Überwindung kostet. Selbst wenn mir beim Anblick des sich im Glase ergießenden Mango-Passionsfrucht-Lassi fast schlecht wird. Wäre Banane-Erdbeer eine bessere Alternative gewesen? Nein! Na also. Ich werfe meiner Zuschauerin einen entschlossenen Blick zu, zucke mit den Schultern wie Es hilft ja doch nichts und spüle das Lassi hinter.

Naja. Joghurt, Früchte und ein Mixer. Um einen Hype zu erzeugen, ist das für mich jetzt nicht genug, aber der Hype-Hype geht um und das Hypen ist dabei nunmal wichtiger als das Gehypte.

Lassi: Check.