Ich bin gegen den Bildungsstreik, weil

Veröffentlicht am 14. Juni 2009
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Vorbemerkung.

Vom 12.-19.6. 2009 wird ein bundesweiter Bildungsstreik stattfinden. Dabei sollen Studenten und Schüler gemeinsam auf die Straße gehen, um eine Debatte über Soll-Zustände des Bildungssystems zu initiieren.

Ich habe für mich selbst einige Zeit geschwiegen. Ich habe mich mit den Forderungen der Studierenden lange und durchaus intensiv auseinandergesetzt. Und ich habe gezögert, meine Meinung (wenn auch in diesem kleinen Rahmen) zu veröffentlichen. Doch letztlich habe ich erkannt, dass es notwendig ist, sich kritisch mit dem Streik auseinanderzusetzen, um bereits vorher zu wissen, welches Geschirr am Ende der kommenden Woche zerbrochen sein wird. Ich weiß, dass man in dieser Situation besser ruhig sein und nichts sagen soll, anstelle aus den eigenen Reihen heraus Verrat zu üben. Ich tue es dennoch. Einerseits, weil ich festgestellt habe, dass es Mitstudenten von mir ähnlich geht, ihnen aber Hintergründe und Zusammenhänge fehlen. Andererseits, weil mir die Art und Weise des Streikes, seine Zielsetzung und Auswirkungen wirklich an sie Substanz gehen. Und – diese vermessene Hoffnung habe ich auch – sich vielleicht ein einzelner Journalist auf diese Seite verirrt und die eine oder andere Idee für eine Frage an die Studierenden erhält.

Der Streik an sich

Ein Studentenstreik ist die Ultima Ratio der Werkzeuge der Vertreter der Studierendenschaften. Das hat drei wesentliche Gründe. Erstens müssen sich die Asten und Stupen eingestehen, dass sie aus eigener Kraft nicht weiterkommen. Zweitens sind Studenten zum Studieren an den Hochschulen. Wenn sie also ihre Tätigkeit unterbrechen und damit ihr Studium potentiell gefährden, muss es schon etwas äußerst Wichtiges sein. Daher sollten die Vertreter mit diesem Gut höchst behutsam und sorgfältig umgehen. Drittens ist eine streikende Studierendenschaft kaum zu kontrollieren. Kontrolle aber ist ein Grundbaustein eines erfolgreichen Streiks.

Den ersten Punkt haben die Studierendenschaftsvertreter offenbar schon hinter sich. Denn indem sie ihre Studenten versammeln und zum Streik aufrufen, zeigen sie, dass all ihre bisherigen Anstrengungen gescheitert sind. Also jeder Versuch, in die Hochschulgremien zu wirken, jede Verhandlung mit den zuständigen Ministerien, jedes Gespräch mit den Bildungspolitikern des Landtages und jeder Versuch, sich in der Medienöffentlichkeit Gehör zu verschaffen.

Mit dem zweiten Punkt werde ich mich später detaillierter auseinandersetzen; für jetzt sei aber gesagt, dass die Bildungskrise nichts Neues ist. (Das Bildungssystem in Deutschland ist eine Krise.)

Drittens muss man als Studierendenschaftsvertreter davon ausgehen, dass seine Studenten nicht so sehr mit der Materie vertraut sind, wie das ein hochschulpolitischer Referent oder ein AStA-Chef etwa ist. Es ist also notwendig, seine Informationen zu sammeln, zu sortieren, zu entkomplizieren, danach Lektion für Lektion an die Studenten zu verteilen und alles so oft zu erklären, bis es der Letzte wirklich verstanden hat. Was „es“ ist? Die Geschichte, wie es dazu gekommen ist; die Akteure; die Interessen; wer welches Spiel spielt; wie unsere Strategie aussieht; warum sie so aussieht; was unsere derzeitige Position ist; warum sie so ist, wie sie ist; kurz: Alles, aber häppchenweise. Tut man das nicht sorgfältig genug, werden die Studenten mit komplexen Zusammenhängen überfrachtet und wenden sich ab. Oder sie missverstehen ihre Vertreter und sagen falsche Dinge. Schlimmer noch: sie könnten sich radikalisieren und Dinge tun, die man als Vertreter aller Studenten unmöglich tolerieren kann. Damit wäre jedwede Auswirkung des Streiks gleich Null.

Im Zeitpunkt des Streiks spiegelt sich auch das Verständnis der Vertreter über die Vertretenen wider. Keiner erklärt, warum gerade diese Woche gewählt wurde. In dieser Woche liegt immerhin der 17. Juni. Warum nicht die Woche davor oder die Woche danach? Warum gerade jetzt? Welche Botschaft verbirgt sich hinter dem Datum? Hat das Datum überhaupt eine Bedeutung?

Keiner erklärt, welche inhaltliche politische Arbeit dem Streik vorausgegangen ist. Es werden nur Streikaufrufe verteilt. Auch die Forderungsliste findet sich nur im Internet. Wenn die Studenten nicht gebrieft werden – und je mehr es sind, umso länger dauert so etwas – können sie nicht in dem dafür notwendigen Maße auf die Fragen der Journalisten antworten. Dann werden Situationen entstehen, die an den Schülerstreik im November erinnern.

Meiner Ansicht nach zeugt es von herbem Misstrauen der Vertreter gegenüber den Vertretenen, wenn sie sich auf einen Termin mit Wärmewahrscheinlichkeit festlegen. Diesem Misstrauen liegt ein Fehlschluss zu Grunde: Die sind eh alle unpolitisch und nicht zu motivieren. Wenn die Inhalte stimmen und wenn die Studenten wissen, warum sie für welches Ziel kämpfen, dann werden sie das auch tun. Aber dazu müssen die Studenten als Partner akzeptiert und behandelt werden und nicht als eine rufbereite dröge Masse von Mitläufern, deren Hauptzweck es ist, als Requisite für die Medienberichterstattung zu dienen.

Was aber wird dieser Streik erreichen? Nun, es wird die ganze Woche über berichtet werden. Vielleicht werden Teile der Linken, der SPD oder der Grünen das Thema aufnehmen und Wahlkampf damit betreiben. Das war’s dann auch schon.

Warum? Weil das Selbstverständnis der Studierendenvertreter recht einfach zu zeichnen ist: Der Staat soll es machen. Deshalb beschweren sie sich auch beim Staat. Deshalb fordern sie auch vom Staat. Aber der Staat ist nicht der Empfänger ihrer Botschaften. Sie wollen eine gesamtgesellschaftliche Diskussion anregen. Um überhaupt zu solche einer Diskussion zu kommen, müssen Informationen her. Informationen fehlen aber. Dafür gibt es Forderungen.  Das ist auch gut, aber nicht das Richtige. Hinzu kommt, dass die Hochschule selbst nach Autonomie gerufen haben und ergo ein Teil der Forderungen von den Hochschulen selbst zu erledigen ist. Für wen die Forderungen bestimmt sind, lässt sich allerdings nicht erkennen. Leider.

Ich muss noch das Folgende erklären, weil ich denke, dass ich sonst missverstanden werden könnte: Das prinzipielle Anliegen des Streiks ist nicht falsch. Die Herangehensweise ist es. Ein Streik funktioniert nur, wenn die Vertreter ihren Studenten erklären, was der Stand der Sache ist, wo sie in welchen Verhandlungen stecken und warum sie die Unterstützung ihrer Studenten benötigen. Ein Konzept also. Denn ein Streik hilft den gewählten Helfern, wenn die Studenten hinter ihren Vertretern stehen und dem Gegenüber damit klarmachen: Ihr solltet wirklich mit denen reden, denn was sie sagen, sagen wir alle auch.

Zu den Forderungen

Dieser Abschnitt wird etwas weniger trocken, dafür aber polemischer. Das liegt aber in der Natur der Forderungen. Die Adressaten meiner Kommentare auf die Forderungen sind ganz klar deren Verursacher.

Soziale Öffnung der Hochschulen

den Abbau von Zulassungsbeschränkungen durch den Ausbau von Studienplätzen!

Okay. Ihr wollt also allen ernstes zum Finanzminister Eures Vertrauens gehen, die Hand aufhalten und sagen: „Lieber Finanzminister, wir wollen eine siebenstellige Summe X von Dir, weil wir der Ansicht sind, dass jeder, auch jemand, der absolut keinen Zugang zu Naturwissenschaften hat, Quantenphysik studieren können sollte.“

Ihr führt damit das Leistungsprinzip in der Schule ad absurdum, nur dass Euch das klar ist. Ihr belohnt die Faulen und bestraft die Fleißigen.

die Abschaffung von Studiengebühren und die gesetzlich verankerte Gebührenfreiheit von Bildung!

Aha. Das ist gut. Nein im Ernst. Ich habe nur eine Frage: Wie wollt Ihr das fiskalisch abfedern?

Das wir uns nicht falsch verstehen: Studiengebühren gehören abgeschafft. Jedenfalls dort, wo sie eingeführt worden sind. Und sie gehören auch nicht eingeführt. Das ist allgemeiner Konsens. Nicht nur, weil das die Studenten unsinnig hoch belastet und unsozial ist, sondern weil sie nur eine Wirkung zeigen: Der Staat zieht sich weiter aus der Verantwortung. Nein. Nicht der Staat: Das Land.

Aber Semestergebühren und so bleiben, oder wie oder was? Die 250€ hier in Berlin sind ja nun auch kein Pappenstiel.

die finanzielle Unabhängigkeit der Studierenden – ohne Kredite!

Oh. Finanzen! Also wieder zurück ins Finanzministerium, rasch an die Tür vom Chef geklopft und hinein in die gute Stube. Wieder haltet ihr die Hand auf und dann sagt ihr: „Lieber Finanzminister, wir sind Studenten, wir haben es verdient, finanziell unabhängig zu sein und deswegen fordern wir das von Dir.“ Da sagt der Finanzminister zu Euch: „Na klar, Ihr habt völlig Recht.“, nimmt sich ein Blatt Papier, einen Stift und schreibt: „Hiermit verfüge ich, dass alle in unserem Bundesland Studierenden finanziell unabhängig sind.“ Damit das besser ankommt, geht er zu seinem Chef und lässt das auch von ihm unterschreiben. So. Nun seid Ihr finanziell unabhängig. Und nun?

Wieviel ist „finanzielle Unabhängigkeit“ im Monat? 600€? 800€? 1.000€? 1.500€? Was ist überhaupt dann mit den Lehrlingen? Bekommen die dann den gleichen Satz? Oder weniger, weil ihnen ja der Meister etwas zahlt? Oder haben die dann mehr? Ändert sich dann etwas am Krankenkassenbeitrag? Ist da ein Rentenbeitrag mit drin? Und Praktika sind dann ab sofort für lau. Oder ihr verdient etwas und bekommt dafür entsprechend weniger Geld. Wer soll das eigentlich zahlen?

Klar wäre das toll, aber das wird keiner machen. Das wird völlig verworfen.

Allerdings könnte die Politik (und die sprecht Ihr ja an) das Blatt auch mal lockerleicht umdrehen und fett die Bedingungen diktieren. So von wegen Regelstudienzeit und wozu das Geld auszugeben ist. Und wie ihr wisst, waren die Jungs und Mädels in den Ministerien bei der Berechnung der Hartz-IV-Sätze ziemlich kreativ. Das blüht Euch dann mit Sicherheit. Das machen die im freiwilligen Testbetrieb über 3 Jahre hinweg und legen die Bedingungen so, dass es nach 3 Jahren mangels Akzeptanz eingestellt wird.

die Abschaffung jeglicher Diskriminierung, auch in ihrer institutionalisierten Form gegenüber ausländischen Studierenden!

Aha. Jegliche Diskriminierung. Klar. Wo lebt ihr denn bitte? Die institutionalisierte Diskriminierung, darüber kann man ja reden. Was meint Ihr eigentlich damit? Dass Formulare in deutschen Universitäten nur auf Deutsch verfügbar sind? Dass Bürokratie in Deutschland mit Ausländern nicht so toll umgeht? Richtig. Die machen das auch nicht aus Spaß. Die Ausländerpolitik in Deutschland ist auf „Wollen wir eigentlich nicht haben, aber wenn es nicht anders geht…“ festgelegt worden. Da müsst ihr zu Bundestag und Bundesrat gehen und die CDU bitten, ihre Haltung diesbezüglich komplett zu ändern.

Außerdem würde das auch heißen, dass in jeder Universitätsstadt ein Mensch sitzen muss, der einer von den 6.500 gesprochenen Sprachen der Erde mindestens fließend mächtig ist, nur für den Fall, dass ein ausländischer Student in diese Stadt kommt und ein Formular ausfüllen möchte. Oder würde man die Studierenden diskriminieren, indem man auf eine Drittsprache wie Englisch oder Französisch zurückgreift? Schließlich sind die Sprachen wegen der Kolonialreiche so verbreitet. Nun, lassen wir das und nehmen an, dass ein Mensch mit bis zu vier Sprachen flüssig umgehen kann, dann wären wir mit Lebenspartner und dem statistischen Drittelkind bei etwa 3700 Einwohner, die jeder deutsche Hochschulstandort aufnehmen müsste. Super. Wir sehen also: Das wird nichts. (Ja, die könnten auch mehrere Hochschulstandorte gleichzeitig bedienen, aber das würde selbst Diskriminierungspotential besitzen und das wollen wir ja nicht.)

Abschaffung von Bachelor/Master in der derzeitigen Form

Frage: Warum wollt Ihr Bachelor/Master abschaffen?
Antwort: Wollen wir nicht.
Frage: Wollt Ihr nicht?
Antwort: Nein, nur in seiner bisherigen Form.
Frage: Ihr wollt das also verändern?
Antwort: Ja.
Frage: Warum schreibt Ihr das dann nicht hin?

So. Um es gleich vorweg zu nehmen: „Bachelor/Master“ an sich ist schon mal Unsinn. Das heißt, ihr wollt was mit dem Abschluss machen. Eine schnieke Feier. Eine andere Urkunde. Oder meintet Ihr mit „Bachelor/Master“ das System, dass sich dahinter verbirgt? Ja? Aha! Gut. Das ist mal wieder absurd. Ihr habt es echt noch nicht begriffen. Okay. Noch einmal: Auch wenn es Euch nicht gefällt: BA/MA ist ein Fakt, mit dem Ihr umgehen müsst. Je eher Ihr das begreift, umso besser für die Studenten, für die Ihr sprecht. Der Magister ist tot. Er starb in dem Moment, als Bologna entstand. Das war vor 10 Jahren. Euer ideologisch verblendeter Widerstand hat dazu geführt, dass die Hochschulen ihre Diplomstudiengänge widerwillig in drei- bzw. vierjährige Bachelorkurse gepresst haben. Danke dafür. Strukturreformen an den Hochschulen waren seitdem notwendig. Mit der Übernahme dieses Abschlussmodells ist man gezwungen, sich eine ganz neue Hochschulphilosophie anzueignen. Die allerdings muss man zunächst einmal verstehen wollen, um danach darüber nachzudenken, wie man das Alte und das Neue irgendwie miteinander verbinden kann. Stattdessen kommt Ihr im Jahr 10 nach Bologna noch immer mit dieser Abschaffen-Rhetorik. Das ist so was von 90er!

die Abkehr vom Bachelor als Regelabschluss!

Ja nee. Netter Versuch, dasselbe mit anderen Worten nocheinmal zu wiederholen.

das Ende von Verschulung, Regelstudienzeit und Dauerüberprüfung!

Verschulung ist ein Problem. Das habt Ihr erkannt. Sehr gut! Bei Fachhochschulen etwa ist das seit Ihrer Gründung Usus. Das war in den 1970ern. Verschulung kann man durch kluge Studien- und Prüfungsordnungen verhindern. Im Zuge der Umstellung auf das neue System wäre das möglich gewesen. Da aber das neue System aber ablehnt, lehnt Ihr auch seine Ordnungen ab. Nun, die Realität hat Euch eingeholt. Die Studiengänge jetzt zu ändern ist schwierig bis fast unmöglich.

Regelstudienzeit und Dauerüberprüfung. Okay, das geht in einem Aufwasch. Also: Ihr wollt Euch einschreiben und irgendwann fertig sein und nur in Schaltjahren einmal gefragt werden, ob Ihr auch etwas gelernt habt. Für ein Ja gibt’s ’ne 1,0. Ein ehrliches Nein nur 1,3. Merkt Ihr’s noch?

Das einzig sinnvolle ist doch, Studienprogramme so aufzulegen, dass sie zur der Lebenswirklichkeit der Studierenden passen. Das hat aber mit der Abschaffung der drei Schlagworte nicht viel gemein. Hochschulen stehen zum Großteil einfach leer. Semesterferien nennt man das. Warum keine Trimester? Damit würde Lehre und Forschung einerseits flexibler, andererseits könnte das gleiche Pensum bequemer gestaffelt werden. Selbst Praktika könnten dann anders angegangen werden, weil man nicht ein Semester von der Uni fernbliebe oder seine Ferien opfern müsste. (Abgesehen davon bringen Praktika im Sommer nicht so viel, denn da sind für allgemein Ferien)

die Möglichkeit individueller Schwerpunktsetzung im Studium!

Aha. Also ich kann das. Ob das angerechnet wird, ist eine andere Frage. Beispiel: Ich studiere Experimentalphysik. Mein Schwerpunkt soll aber die Geschichte der Bantusprachen sein. Wollt Ihr das wirklich? Dass Ihr dann mal wieder zum Finanzminister Eures Vertrauens müsst, ist Euch aber schon klar, oder? Und dass Ihr seine Gesundheit wirklich ernsthaft gefährdet, auch? Der lacht sich tot, ich sag’s Euch.

Das ist einfach nur eine Phrase. Mehr nicht. Macht einen Vorschlag, dann kann man drüber reden.

die tatsächliche Umsetzung der Mobilität zwischen den Hochschulen!

Klingt gut. Was meint Ihr damit? Linienbusse zwischen Hamburg, Berlin und München? Bahncard 100 für alle Studenten? Ihr könnt Euch wirklich freuen, dass der Mehdorn nicht mit im Bahnvorstand ist. Der hätte bestimmt nicht so sehr darüber gelacht wie Euer Finanzminister.

Demokratisierung des Bildungssystems

den Abbau von wirtschaftlichen Zwängen im Bildungsbereich!

Stimmt. Herrlich. Jetzt seid es nicht mehr nur Ihr, die den Finanzminister einen Lachkrampf nach dem anderen bescheren, jetzt kann das jeder Professor. Wir untersuchen ein halbes Jahr lang die pommerschen Auswanderergemeinden in Brasilien. Soziologisch, linguistisch und was uns sonst noch so einfällt. Mit 130 Studenten. Nee, wir können ja alle alles studieren, also sind wir gleichmal 230 Studenten. Da sparen wir Geld, wenn wir einen Airbus chartern. Und dann ist es auch billiger, das Hotel zu kaufen, anstatt uns einzumieten.

Wirtschaftliche Zwänge können nicht falsch sein. In der Grundlagenforschung ist das vielleicht nicht angebracht, aber es ist nicht alles Grundlage, was erforscht wird. Und dass die Orchideenfächer auch etwas privates Geld verdienen können, steht bislang nicht zur Debatte. Warum eigentlich nicht? Ich denke, das geht sehr gut und mehr, als es bislang getan wird.

die Mitbestimmung aller Beteiligten im Bildungssystem, u.a. durch Viertelparität in den Hochschulgremien!

Der Finanzminister hat Eure Finanzierung abgesegnet, schon vergessen? Da ist nix mit Viertelparität. Fünftelparität. Eigentlich Sechstelparität, denn den Ausflug nach Brasilien hat er schließlich auch gezahlt. Also drücken wir die Regie dem Finanzminister in die Hand, das würde uns die Gremienarbeit sehr erleichtern.

die Einführung verfasster Studierendenschaften mit politischem Mandat in allen Bundesländern!

Verfasste Studierendenschaften! Da hat sich doch tatsächlich ein inhaltlicher Punkt versteckt! Super! Mehr davon!

Welches politische Mandat meint Ihr eigentlich? Das allgemeine oder das hochschulpolitische? Bei letzterem stimme ich voll und ganz zu: Eine verfasste Studierendenschaft muss Vertreter wählen können, die in ihrem Namen sprechen. Aber wirklich auch im Namen der Vertretenen und nicht nur in Eurem Namen.

Verbesserung der Lehr- und Lernbedingungen

die Umsetzung freier alternativer Bildungskonzepte!

Wie definiert Ihr das? Frei in Euerm Sinne oder im Sinne der Lehrenden? Wenn sich ein Dozent vor einen Hörsaal stellt und anderthalb Stunden redet ohne etwas zu sagen, ist das dann auch frei und alternativ?

Dass Euer Wunsch nur konsequent auf die Hochschulwirklichkeit reagiert, ist Euch hoffentlich bewusst. Es gibt keinen Konsens darüber, welche Inhalte einen Abschluss rechtfertigen. Ein Physikstudium in Bremen und eines in München können beide von den Inhalten um 100% abweichen. Beide bilden Physiker aus. Ist Euch das nicht frei und alternativ genug?

die Beendigung prekärer Beschäftigungsverhältnisse im Bildungsbereich!

Super. Eure ursprüngliche Aussage habe ich verstanden und teile sie. Allerdings könnte man das Ganze leicht missverstehen. Das würde dann spontan zu einem kündigungsbedingten Haushaltsüberschuss an den Hochschulen sorgen.

Okay. Lassen wir das Wunschdenken einfach mal beiseite und kommen in die Realität zurück. Die Hochschulen haben nach Autonomie geschrien und sie teilweise auch bekommen. Dass sie eine ganz andere Art Autonomie erhalten haben, als sie wollten, steht außer Frage. Trotzdem müssen sie jetzt autonom handeln und selbst dafür Sorge tragen, dass diese Art Beschäftigung aufhört. Die wirtschaftsnahen und industrieinteressanten Bereiche machen das schon sehr gut: Die stellen Leute ein, die ausschließlich Forschungsanträge schreiben. Das funktioniert sehr gut. Wenn man jetzt noch ein wenig finanziellen Sachverstand hinzufügt, kommt man dazu, dass eine eingeworbene Stelle immer mehr einbringt, als sie kostet. Damit finanziert man Engpässe und weitere Stellen. Auf diese Art und Weise können die Hochschulen selbst Eure Forderung erfüllen.

die Aufstockung des Lehrpersonals auf ein pädagogisch tragbares Niveau! Dazu sind in den nächsten drei Jahren mindestens 8.000 Professuren, 4.000 Mittelbaustellen und 10.000 Tutor_innenstellen neu zu schaffen!

Also. Ausgehend von der Tatsache, dass an Universitäten der Mittelbau ausbildet und an Fachhochschulen die Professoren selbst, kommen wir also dahin, dass 6.000 der 8.000 Professuren für die Fachhochschulen selbst sind und die restlichen 2.000 Professuren zusammen mit den 4.000 Mitarbeitern in den Unis verschwinden. Die Tutoren teilen wir dann hälftig auf. Das wäre denkbar. Aber ist es auch das, was Ihr damit meint? Wisst Ihr auch, dass ein verbeamteter Lehrstuhl so um die 3 Millionen Euro an Personalkosten verschlingt? Nicht jedes Jahr, aber von dem Zeitpunkt, dass der Lehrstuhl besetzt wird, bis zur Emeritierung und darüber hinaus. Das zahlen die Hochschulen aus Ihren Haushalten. Die immer kleiner werden. Und seien wir mal ehrlich: Wir können uns freuen, wenn die Sätze eingefroren werden oder zumindest noch ein Inflationsausgleich hinzukommt. Von Tariferhöhungen ganz zu schweigen.

die Förderung aller Studierenden statt einseitiger Elitenbildung!

Klingt gut. Mit dem richtigen Konzept geht das aber auch so. Wenn man einen herausgehobenen Bereich der Hochschule aufbaut und den bekanntmacht, dann können die anderen Bereiche mit interdisziplinären Projekten davon profitieren. Wie wollt Ihr eigentlich der Öffentlichkeit erklären, was eine Universität mit 30.000 Mitgliedern alles macht? (Nein, Ihr habt nicht unendlich Zeit dafür.)

die Einheit von Forschung und Lehre statt der Exzellenzinitiative!

Wie viel aktuelle Forschungsinhalte kommen eigentlich bei Lehrveranstaltungen an? Hat sich das durch die Exzellenzinitiative geändert? Nein. Denn es war vorher schon schlecht. Dieser Aspekt des Humboldtschen Bildungsideals ist ein Eckpfeiler der angelsächsischen Bildungsphilosophie. Was haben die gleich für Abschlüsse? Bachelor und Master?

Ein Vorschlag zur Güte

Halten wir fest: Erstens ist die Bildungskrise ein Dauerzustand und nichts Neues, zweitens hat die Art und Weise der Umsetzung des Bologna-Prozesses den Druck auf und in den Hochschulen drastisch erhöht, drittens liegen die Auswirkungen der Krise heute viel klarer. Wie können wir das ändern?

Damit das klar ist: Es gibt kein Zurück mehr. Das sollte uns freuen. Ein Zurück heißt nämlich auch, dass falls einem Fachbereich bei der Besetzung eines Lehrstuhles ein grober Fehler unterlaufen ist, diese Entscheidung für ein Vierteljahrhundert nicht mehr zurückgenommen werden kann. Wer die Leidtragenden davon sind, ist klar: Die Studenten.

Ein Zurück gibt es auch allein deshalb nicht, weil der politische Wille ein gänzlich anderer ist. Daran gibt es nichts zu deuteln. Dass es politische Gruppen gibt, die einer anderen Ansicht sind, steht außer Frage, denn es gibt sie. Aber sie haben nicht die Macht.

So. Nachdem wir nun wissen, dass ein Zurück nicht in Frage kommt, schauen wir nach vorn. Endlich. Also. Das Hochschulsystem wird meiner Ansicht nach folgendermaßen funktionieren. Die Länder werden die Bildungshoheit nicht an den Bund abtreten, weil die Hochschulen einen viel zu großen Prestigefaktor besitzen. Die Finanzierung wird 2019 einen Punkt erreicht haben, der nur für die fixen Kosten, die Verwaltung und die Lehrstühle ausreicht. Alles Weitere muss über Drittmittel bezahlt werden.

Wenn die Hochschulen klug sind, werden sie zunächst die Verwaltung optimieren. Ja, das geht. Mit Schulungen, mit Anreizen, mit Dynamik. Wer im Denken stehenbleibt und nur Dienst nach Vorschrift macht, wird sich nicht lange halten können. Dies wird auch für die Lehrstühle gelten. Lehrstühle werden Geld anziehen oder ihre Inhaber sind Koryphäen, deren Ruf etwas anderes rechtfertigt. Neue Leute werden auch nur dann eingestellt, wenn sie vorher erfolgreich Projektgelder eingeworben haben (Das ist in Schweden bereits heute der Fall). Das sorgt sicherlich für einen höheren Druck, weil sich niemand mehr ausruhen kann. Das soll er aber auch nicht (Warum sollte jemand eine Stelle im öffentlichen Dienst für Nichtstun erhalten? Das sind Steuergelder!).

Jetzt sehen einige bestimmt schon die Geisteswissenschaften im freien Fall, weil die Drittmittelquote so schlecht ist. Falsch. Das liegt einerseits an den Leuten selbst. Zum einen ist ihnen nicht bewusst, wer außer der DFG alles bereit ist, für ihre Arbeit Geld zu geben, zum anderen verbietet ihnen ihr Standesdünkel, sich mit Fragen nach dem schnöden Mammon auseinanderzusetzen. Letztere werden es in 10 Jahren sehr schwer haben. Den anderen kann man mit Rat und Tat zur Seite stehen. Zurück zum falschen Fall der Geisteswissenschaften. Sie sind ein essentieller Teil jeder Hochschule, doch wird Ihr Wert verkannt. Zunächst innerhalb der Hochschule und als Folge dessen auch von außen. Wenn wie in der Schweiz ein technisch-naturwissenschaftliches Studiums zu einem Drittel geisteswissenschaftliche Inhalte vermittelte, hätte das den Vorteil, dass Interdisziplinarität nicht mehr länger nur ein leeres Wort wäre, es würde gelebt werden. Wer weiß, vielleicht regen dann Studenten Zusammenarbeiten zwischen verschiedenen Lehrstühlen an, weil sie in einem Seminare Verbindungen erkennen. Vielleicht beeinflusst das auch die Lebenswege der Studenten zum Positiven.

Diese Veränderungen können schwere nicht sein. Jahrhundertealte Handlungsmuster werden innerhalb eines Jahrzehntes über Bord geworfen, Neues und Fremdes wird ihren Platz einnehmen. Die kuschelige Hackordnung der Fakultäten wird neu geregelt werden. Die Selbstgefälligkeit der Lehrstühle wird zum Luxus.

Schließlich werden sich auch die Gremien und Institutionen ändern müssen. Wie das auf studentischer Seite geschehen wird, vermag ich nicht zu sagen. Da kommt es darauf an, wie hoch der Wille ist, das 68er-Erbe aufzugeben. Was ich damit meine ist folgendes: Das System studentischer Selbstverwaltung spiegelt im Groben die Realität wider. Wir haben ein Wahlvolk, das regelmäßig wählen soll. Das Wahlvolk wählt Listen von Kandidaten, die es nicht kennt. Die Kandidaten kommen in ein Parlament. Das Parlament bestimmt je nach Zusammensetzung eine Regierung. Diese Regierung heißt AStA. Achso: Fachschaftsräte gibt es auch noch. Da sind aber Legislative und Exekutive zusammen. Ich glaube, dass die Zusammenlegung auch auf studentischer Hochschulebene nicht falsch wäre. Ich glaube auch, dass eine Art Wahlbezirk sinnvoller wäre. Dann hätte jede Fakultät ihre Ansprechpartner. Damit wäre die Vernetzung mit den Fachschaften auch enger. Außerdem könnte es dazu führen, dass die Studenten in den Parlamenten keine ideologischen Grabenkämpfe mehr führen würden, sondern sich auf sachorientierte Hochschulpolitik einließen. Für mich ist das der Schlüssel zu einer höheren Wahlbeteiligung und einer aktiverer studentischen Beteiligung.


Ich weiß sehr wohl, dass der politisch korrekte Terminus derzeit „Studierende“ lautet. Ich verwende „Studenten“ anstelle von „Studierende“, weil es lesbarer ist und ich nicht jene diskriminieren möchte, die zwar Studenten, aber keine Studierenden sind. Die Verwendung des Begriffs „Studierende“ ist für mich ein Zeichen dafür, dass die Vertreter der Studierendenschaften sich selbst gegenüber viel unkritischer sind, als sie es vom Rest der Gesellschaft erwarten.

Als Studierendenschaften bezeichnet man alle Studenten einer Hochschule. Allgemein gesprochen sind ihre Vertreter die Gewählten in den vielen Gremien. In diesem Artikel meine ich damit allerdings die Vertreter aus AStA und StuPa, also die hochschulweite Exekutiv- und Legislativgewalt der Studierendenschaft.