Warum man seine Siebensachen immer zusammenhalten sollte und Muttis toll sind

Rubrik(en): Geschichten, les études. Veröffentlicht am 28. Januar 2008 um 12:58 Uhr.

Vor einigen Jahren, in grauer Vorzeit, als unser Leben noch aus Schwarz-Weiß-Gedächtnislücken bestand, legte ich mein Abitur ab. Meine Schule stand auf der Abschussliste des Oberschulamtes. Soetwas kann man recht leicht erkennen: Die übrig gebliebenen Gymnasien durften das Wort «Gymnasium » im Titel führen, die anderen nicht. Wir hießen also «Robert-Koch-Schule, Gymnasium ». Damals sagte man uns, dass wir unser Abiturzeugnis unbedingt aufheben müssten, alles andere würde einen äußerst nervenaufreibenden Gewaltmarsch durch die Institutionen bedeuten. Aber mit fünf beglaubigten Kopien muss man doch noch nicht einmal sparsam umgehen, als frischgebackener Abiturient weiß man einfach, dass einen diese fünf Kopien bis zur Rente begleiten werden: Ein Zeugnis für die Uni und eins für den Arbeitgeber. Vielleicht noch eins für die Rente. Da wir aber sowieso mit 40 Jahren in Rente werden gehen können, um von den Zinsen unserer angehäuften Reichtümer zu leben, können wir uns das eigentlich auch sparen. Tja und der Rest ist für die Enkel zum Papierflieger basteln.

Siebeneinhalb Jahre und sechs Umzüge später holt mich die Realität mit ihrem eiskalten Hauch ein: Meine Kopien sind alle und das Original ist auch weg. Das bemerke ich, als mir die Zentralregistratur einer irischen Universitäten eine Mail schreibt, in der sie mir mitteilen, dass sie meine Online-Bewerbung haben und binnen acht Tagen alle weiteren Unterlagen eingetroffen sein müssten. Damit meinen sie vor allem mein Zeugnis.

Also hole ich meine institutionelle Sturmhaube aus dem Schrank und suche die erste Telefonnummer heraus. Das Oberschulamt heißt jetzt Regionalschulamt. Meinetwegen könnte das auch «House Of The Rising Sun » heißen; Hauptsache, die geben mir mein Zeugnis. Also rufe ich an. Die Dame an der Vermittlung hört sich meine Geschichte an und verbindet mich. Die Verbundene hört sich meine Geschichte an und verbindet mich. Die Verbundene hört sich meine Geschichte an und sagt mir, dass das Regionalschulamt Leipzig keine Zeugnisse archiviert. Das ist Aufgabe des Stadtarchives. Wie jetzt? Hat man uns nicht immer erzählt, dass die Akten allesamt jahrzehntelang im Keller aufbewahrt würden und dass kaum Platz sei, die Vorschriften aber unbarmherzig einzuhalten seien? Und auf einmal wird meine Schule geschlossen und die Aufsichtsbehörde zieht die Spendierhosen an und verteilt die Akten großzügig an Jeden, der sie haben will? Sind Schulen nicht Landessache? Müssten die Akten denn dann nicht eigentlich eher ins Landesarchiv? Na egal. Ich bekomme die Nummer des Stadtarchives und versuche mein Glück. Wieder eine Dame am anderen Ende der Leitung. Sie schaut also nach. ‘Ja, sie habe Akten: Von damals (als die einundachtzigste Polytechnische Oberschule noch den Namen eines antifaschistischen Widerstands-Frontkämpfer aus der siebten Reihe von hinten trug) habe man noch alle Akten, aber für die Zeit nach der Wende (als die Schule eines der ersten Gymnasien in Leipzig war und sich den Namen des Tuberkulose-Jägers Robert-Koch zu eigen machte) seien wohl keine Unterlagen vorhanden.’ Ich verdränge, dass das für mich keinen Sinn ergibt und notiere mir gleich zwei Telefonnummern. Die eine ist für ein Archiv der Stadt Leipzig (ich hätte das in meiner unbedarften Art doch glatt als Stadtarchiv bezeichnet), die andere ist für das Schulverwaltungsamt (das ist nicht das Regionalschulamt?). Wenn wir in Leipzig alles so hätten, wie zu viele Ämter, dann wären wir nicht mir 900 Millionen in den Nassen, schießt es mir ketzerisch durch den Kopf.

Langsam kommt mein altes Kriegsleiden zu Tage: Ich muss erstmal ausrasten. Natürlich nicht am Telefon. Das greife ich mir aber jetzt, um die erste Nummer zu wählen. Sozialamt. Lohn- und Gehaltsarchiv, was kann ich für Sie tun? Ich bin perplex, das muss ich erstmal verdauen. (Mein rechtes Auge schickt sich an, nervös zu zucken.) Ich werde nicht verbunden. Bin ich hier etwa auf Anhieb richtig? Ich atme auf. (Mein Auge beruhigt sich wieder.) Eine nette ältere Dame erklärt mir seelenruhig, dass sich das Stadtarchiv die guten Sachen zum Archivieren herauspickt und den Rest bekäme dann ihre Stelle. (Da ist das Auge wieder.) Ich bin also an einer schlechten Schule gewesen. Aha. In diesem Moment wird mir mal wieder bewusst, wie schizophren unser Land eigentlich ist: Während wir die anderen Nationen für ihr offensichtliches Chaos belächeln, wähnen wir uns in sicheren, geregelten Bahnen weil ja angeblich alles überreguliert ist. Pustekuchen! Im Ausland weiß man wenigstens, dass das Chaos permanent herrscht und begegnet ihm lässig mit spontanen Regeln. Hier aber regelt die Willkür systematisch alles und das auch noch permanent und keiner will es sehen oder ändern! (Mein Auge hat sich steifgezuckt) Wie dem auch sei. Die nette Dame nimmt meine Adresse auf und schickt mir ein Formular, dass mir – sofern ich es ausgefüllt zurücksende – binnen vier Wochen beglaubigte Kopien beschaffen wird. (Es zuckt wieder) Und zwar kostenlos. (Schlagartig erstirbt jedes Zucken.) Gerührt und heldenhaft zugleich hisse ich die Fahne des Sieges und stoße mit mir selbst an.

Eine Stunde später telefoniere ich mit meiner Mutti, um ihr von meinen todesmutigen Heldentaten zu berichten. Sie hält sich mit dem mir dafür zustehenden Lob zurück. Das verheißt nichts Gutes. Sie ist der festen Überzeugung, über das Originalzeugnis zu verfügen. Fünf Minuten später hat sie nachgesehen und Recht behalten. Ich zähle meine Punkte: Marcus einer, Windmühlen fünf. Ich setze: «Alle Siebensachen beieinanderhalten » auf die Liste der Sachen, die ich mir schleunigst und nachhaltigst angewöhnen muss.


Nachtrag. Meine Mutti hat gesagt, Schulen sind Kommunalsache. Deswegen auch die zwei Verwaltungen. Ich find’s trotzdem doof. Die Städte bezahlen für die Lehrer und Schulen, die Länder bilden die Lehrer aus, bestimmen die Lehrpläne und den ganzen Kladderadatsch und am Ende müssen sich beide für diese kluge postförderalistische Gewaltenteilung jeweils eine supertolle Verwaltung leisten. Marcus einer, Windmühlen sechs. Manno.

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