Single Point Of Failure

Rubrik(en): Geschichten, les études, Reisenotizen. Veröffentlicht am 26. März 2008 um 10:06 Uhr.

Ein ganz gewöhnlicher Samstag am Vorabend des «Messiah Comback Day ». Wir sitzen im RegionalExpress von Dresden nach Leipzig. Ungewöhnlich ist nur, dass wir a) den geplanten Zug erreicht haben, wir b) niemanden zu besonderer Eile nötigen mussten und c) sogar schon das Ticket in der Tasche haben. Alles ist also wunderbar.

In Riesa angekommen, spüren wir plötzlich den kalten Atem des Unglücks im Nacken: Wir warten. ‘Vielleicht warten wir ja auf diese öminösen Anschlußreisenden.’, ist mein erster Gedanke. Nach fünfminütiger Ungewissheit eine Durchsage: Eine betriebliche Störung. Ich ahne Schlimmes. Weitere fünf Minuten später rollen wir fast unmerklich los und haben nach wenigen Sekunden unsere Reisegeschwindigkeit erreicht. Es fühlt sich an wie Schrittgeschwindigkeit und nennt sich bestimmt «auf Sicht fahren ». Grüne Signale sehen wir nicht, dafür umso mehr rote. Die Strecke bis Oschatz dauert etwa eine Stunde. Zwischendrin eine Durchsage, in der uns mitgeteilt wird, dass die Verspätung inzwischen bereits vierzig Minuten betrage und um Verständnis gebeten wird. Leider ist das bereits aus, denn ich musste schon weitaus früher feststellen, dass aus dem knapp einstündigen Aufenthalt am Leipziger Hauptbahnhof nichts wird und ich demzufolge keine Strümpfe werde kaufen können. Sowas gibt’s ja noch nicht im Zug. Blumen auch nicht. Verspätung wäre ja nicht so schlimm, wenn an jedem Zug noch eine Kaufhalle wäre.

Ein pflichtbewusster Mann älteren Semesters macht sich mehrmals auf die Suche nach der Schaffnerin, aber anscheinend hat das Personal die Schutzräume bereits aufgesucht. Ich kann das irgendwie verstehen. Die zwei sitzen im gleichen Boot wie wir, haben ebenso viel Schuld an der ganzen Sache, bekommen aber dafür alles ab. Wieder ein Tag, wo man Meister Mehdorn danken muss. Wieder einmal zeigt sich, dass Computer nur dann sinnvolle Arbeit leisten können, wenn sie sinnvoll eingesetzt werden. Kommt aber ein verkalktes Vorstandshirn auf die Idee, Computer sind die ideale Sparbesetzung für alles, dann kann das Ergebnis nur schlecht sein. So wie jetzt. Von Leipzig aus wird des gesamte Zugverkehr bis einschließlich Dresden verwaltet. Klingt klug, ist Müll. Denn wenn die kluge Lösung ausfällt, stehen alle Signale auf rot und alle Züge müssen Schritt fahren. Tja und wenn man ewig und drei Tage braucht, um die Computer wieder hoch zu fahren, dann kann man schonmal für eine eigentlich einstündige Fahrt doppelt so lange benötigen. Alle Räder stehen still, weil der starke Arm nicht will.

In Oschatz angekommen, sind wir bereits mit einstündiger Verspätung ausgepreist. Die Leute am Bahnsteig freuen sich auf den warmen Zug und sind laut. Dafür normalisiert sich unsere Geschwindigkeit.

Inzwischen könnten wir seit einer halben Stunde auf dem Hauptbahnhof Geld ausgeben. Stattdessen fahren wir in Dahlen ein und bekommen eine weitere Durchsage. Verspätung jetzt 64 min. Die ICEs nach Erfurt und München werden nicht erreicht. Ende der Durchsage. Weil vorhin schon um Verständnis gebeten wurde und sowieso keiner im Zug ernsthaft gewillt ist, die lakonische Entschuldigung anzunehmen, kommt auch nichts. Man sieht, die Bahn versteht es, ihre Mitarbeiter loyal hinter sich zu versammeln.
Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Vielleicht ist es auch nur die Rache der Programmierer. Oder aber der große Vorsitzende hat das bewusst einbauen lassen, diese Fehler. Um den Leuten zu zeigen, wie gut es ihnen sonst geht, und dass er den Längsten hat. Vielleicht ist es aber auch nur Fürsorge. Ich meine, die Züge werden immer schneller, die Aufenthalte in den Zügen immer kürzer, vielleicht ist so etwas wirklich mit Absicht geschehen um den Menschen die Chance zu geben, sich mit dem Zug, dem Personal, dem Gesamtkonzern Bahn zu identifizieren.

Weitere Teile dieser Serie

  1. A day in life...
  2. Ankommen.
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  14. Single Point Of Failure (This post)
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