Auf dem Weg zum Zorn.

Rubrik(en): Gedanken, Politik, Re(e)volution, Zeitgeist. Veröffentlicht am 2. Januar 2012 um 22:06 Uhr.

Ich sage es gleich zu Beginn: Ich bin stinksauer.

Ich bin sauer, weil wir allem Anschein nach auf einem Niveau angekommen sind, wo man sich fragt, ob die Welt spinnt oder man selbst. Und obwohl man weiß, dass es die Welt sein muss, den Kopf duckt, die Füße still und die Faust in der Tasche hält. Doch dann sind da diese kleinen Momente, in denen einem Konstantin Weckers Zeilen wieder in den Sinn kommen: »[…] trotzdem, Willy, ma muaß weiterkämpfen, kämpfen bis zum Umfalln, a wenn die ganze Welt an Arsch offen hat, oder grad deswegn.«

Ich frage mich ernsthaft, was dem Amt des Bundespräsidenten mehr schadet: Derjenige, der in einem Husarenstück ins Schloss gewählt wurde, oder etwa der Titel der aktuellen Titanic. Letzteres ist eindeutig weit jenseits der Grenze des Anstandes, doch wo ist dann der gegenwärtige Inhaber des höchsten Amtes unserer Republik auf derselben Skala zu finden? Mehr davon »

Exzessives Vergleichen.

Rubrik(en): blog. Veröffentlicht am 9. November 2011 um 15:03 Uhr.

Ich lerne ja immer dazu. Heute, also jetzt gerade eben erst, habe ich gelernt, dass es Sprachen gibt, die mehr als nur drei Formen kennen, um auszudrücken, wie etwas miteinander verglichen wird.

Wiederholung. Im Deutschen ist es recht einfach: Wir haben einen Positiv (Dieser Berg ist hoch.), einen Komparativ (Der da drüben ist aber höher.) sowie einen Superlativ (Der Everest ist am höchsten.). Also klein, mittel, groß und das ist auch schon alles.

Eigentlich.

Das Neugriechische etwa kennt noch eine weitere Form – den Elativ. Der Elativ steht über dem Superlativ. (Toll, oder?) Um in den Beispielen von vorhin zu bleiben: Die Griechen kennen also eine Form, mit der man den Everest sogar noch toppen kann. (Großartig, oder?) Damit muss man nämlich nicht ständig alles relativieren. (Der Everest ist der bislang höchste Berg.) Allerdings kann man einen Elativ auch im Deutschen abbilden. (Auch toll, oder?)

Bei Wikipedia fand ich folgende Erklärung dazu:

Superlativ: »Wir arbeiten mit den modernsten Maschinen ihrer Art.« (vergleichend)
Elativ: »Wir arbeiten mit modernsten Maschinen.« (Unabhängig von anderen Maschinen sind die Maschinen herausragend.)
Elativ (Partikel): »Wir arbeiten mit extrem modernen Maschinen.«
Elativ (Präfix): »Wir arbeiten mit hochmodernen Maschinen.«

Entweder verwenden wir also den Superlativ nicht vergleichend oder wir schnappen uns den Positiv des gewünschten Adjektivs und pappen etwas davor.

Im nichtschriftlichen Sprachgebrauch wird der Elativ übrigens häufiger gefunden als man denkt.

Oft erscheinen bei den beiden letzten Formen lokalen Mundarten oder Soziolekten entsprungene Wörter. Präfixe wie »erz-«, »schwer-«, »super-«, »mega-«, »ur-«, »end-«, »ober-« werden zur Bildung von beispielsweise »erzgewaltig«, »schwerreich«, »superschnell«, »megavoll«, »urheiß«, »endschnell« und »oberheftig« herangezogen. Entsprechende Intensivpartikeln sind »konkret«, »voll«, »fett«, »krass«, »übel«, »derbe«, »hammer«.

Also verwenden wir tagtäglich die griechische Grammatik, weil die deutsche megaschwer ist. (Und das für umme! Die könnten sich damit glatt sanieren, wenn die Lizenzgebühren fordern würden.)

Und Superlative ohne Endung sind auch Elative (höchst, freundlichst). Wikipedia kommt dann aber gleich mit dem bösen Hyperlativ um die Ecke. (Naiverweise nahm ich zunächst an, diese Aneinanderreihung von Präfixen der übelsten Sorte wäre schon hyper. Vielleicht könnte man die stattdessen hysterische Komparativpräfixe nennen?) Einn böser Hyperlativ ist beispielsweise ein zusammengesetztes Adjektiv, das während des Steigerns überbeansprucht wurde, denn: Entweder man hat ein zusammengesetztes Adjektiv oder man steigert es. Beides zusammen geht nicht. Denn dann werden bösartigste Wortmonster erschaffen (die bestmöglichste Lösung), die nur Pest und Verderbnis bringen. Darunter auch meine beiden Lieblinge: Die optimalste Lösung und der einzigste Ausweg. Zwei Möglichkeiten gibt es allerdings, solche Hyperlative einzusetzen, ohne die Sprache zu vergewaltigen. Entweder man heißt Johann Wolfgang von Goethe, dann lässt die Sprache sowieso alles mit sich machen, oder man deklariert es als rhetorisches Mittel. Das allerdings hat den Nachteil, dass man dann auch etwas damit bezwecken wollen muss. Also nicht nachzudenken, den Hyperlativ eher aus Versehen zu verwenden und dann hinterher sagen »Das war jetzt Rhetorik«, das geht dann nicht. (Es sei denn, man zaubert auf die Schnelle eine Erklärung aus dem Hut.)

Die bombastischen Basken wiederum haben einen Elativ, den man Exzessiv nennt. Im Staate Dänemark kommt mir einiges sehr spanisch vor. Italien ist noch viel spanischer als Dänemark. Griechenland ist am spanischsten. Spanien ist mir zu spanisch.

 

Ist das nicht alles größtartigst?

Empörung. Eine ungehaltene Rede.

Rubrik(en): Gedanken, Politik, Re(e)volution, Zeitgeist. Veröffentlicht am 17. Oktober 2011 um 13:08 Uhr.

Im Frühjahr diesen Jahres habe ich einigen Versammlungen der Spanischen Revolution in Berlin beigewohnt. War der basisdemokratische Charakter eines offenen, gleichberechtigten Plenums zu anfangs noch spannend und weckte in mir Hoffnungen an die Kräfte der menschlichen Selbstorganisation, so sah ich recht schnell, dass es nach meinem Dafürhalten im Wesentlichen darum ging, der eigenen Unzufriedenheit Luft zu machen. Dies ist verständlich, aber auch nicht konstruktiv. Eine Bewegung ist erst dann eine politische, wenn sie ihrem Anspruch auch Taten folgen lässt.

Occupy Wallstreet hat dafür gesorgt, dass ihre Vorläufer in Europa wieder Auftrieb haben (der 15. Oktober war ursprünglich von der Spanischen Revolution Ende Mai als weltweiter Aktionstag beschlossen worden). Allerdings sieht man anhand der Teilnehmerzahlen, wie empört die Menschen in den einzelnen Ländern wirklich sind. Und hier zeigt sich, dass Deutschland offensichtlich noch ein Empörungsdefizit hat. Das kann man gut oder schlecht finden. Ich finde es gut, denn je schlechter die Zustände, umso empörter die Bevölkerung: Allein in Rom gingen etwa 150.000 Menschen an diesem Tag auf die Straße, in Deutschland etwa ein Zehntel davon. Mehr davon »

Spät, aber immerhin.

Rubrik(en): Gedanken, Politik. Veröffentlicht am 9. Februar 2011 um 12:16 Uhr.

Ja, ich weiß: Jahresrückblicke werden im Dezember gemacht. Mir doch egal. Die Chinesen feiern auch erst jetzt und da regt sich auch keiner auf. Gut, vielleicht liegt’s ja daran, dass die mehr Einwohner haben als die EU, die USA und Russland zusammen. (Daran würde selbst eine eingebürgerte Türkei nichts ändern.) Außerdem war 2010 bei denen das Jahr des Tigers und das klingt schon irgendwie verwegen. Andererseits überkommt mich ein lasches Gefühl, wenn ich an 2010 denke. Auf meine gefühlte Jahres-Hitliste hat es es jedenfalls nicht geschafft. Vielleicht wird alles besser, wenn ich mir die Monate einzeln vornehme. Mehr davon »

Zu den Revolutionen in Nordafrika und im Nahen Osten

Rubrik(en): Gedanken, Politik. Veröffentlicht am 28. Januar 2011 um 20:17 Uhr.

Der Gegensatz zwischen Nord und Süd könnte im Augenblick nicht größer sein. Während der Norden damit beschäftigt ist, ganzheitliche Konzepte zum Erhalt des eigenen Wohlstandes zu erarbeiten, ist der Süden in Aufruhr. Das letzte Jahrzehnt war ein südamerikanisches, das aktuelle ist bereits jetzt arabisch. Nachdem uns die Herrschaft der Taliban in den 1990ern und Al-Kaida seit dem 11. September 2001 die Rückständigkeit der anderen Religion1 vor Augen geführt und uns so in Angst und Schrecken versetzt hatten, dass wir unsere edlen Prinzipien verdrängten, werden wir nun eines Besseren belehrt. Was im Juni 2009 in Teheran begann2, setzt sich nun weiter fort: Menschen gehen auf die Straße, um ihre universellen Rechte und Freiheiten einzufordern. Mehr davon »

»Entscheidend ist, was hinten rauskommt.«

Rubrik(en): Gedanken, Politik. Veröffentlicht am 1. Juli 2010 um 2:39 Uhr.

Ein großer Tag, ein spannender Tag, dieser 30. Juni 2010. Drei Wahlgänge, deren Ergebnisse einzeln betrachtet wie kleine Erdbeben dem politisch Interessierten durch Mark und Knochen gingen. Ein Tag, an dem der von den Medien aufgebaute Spannungsbogen fast zerbrach.

Was bisher geschah…

Altbundespräsident Köhler – als ehemaliger Chef des Internationalen Währungsfonds ein ausgewiesener Fachmann für Finanz- und Wirtschaftsfragen – ist in der aktuellen Krise fast kaum wahrnehmbar. Einerseits weil er sich kaum einmischt, anderseits weil auf seine Kompetenz aus dem Kanzleramt offenbar nicht zurückgegriffen wird. Er ist frustriert. Mehr davon »

Sprachgedanken, Sprechgedenken, Sprachdank, Denksprache

Rubrik(en): blog, Reisenotizen. Veröffentlicht am 28. Februar 2010 um 15:08 Uhr.

 

Am späten Vormittag, so wie es sich für den postmodernen Bohème gehört, verabschiede ich mich von der scheinbaren Gutwetterlaune der aufgeregten Metropole und mache mich auf den Weg in die beschauliche Ehrlichkeit der sächsischen Heimat. Mehr davon »

Beeindruckend

Rubrik(en): blog, Computer. Veröffentlicht am 15. Dezember 2009 um 17:57 Uhr.

Letzte Woche hatte ich Besuch aus Sichuan (China) auf einem FTP-Server. Um genau zu sein, klopfte der Besuch etwa 20.000 Mal entweder als Benutzer «admin» oder «administrator» an. Dem Angriffsprofil nach zu urteilen, handelte es sich wohl eher um einen minderklugen Angreifer, wahrscheinlich das Schlusslicht eines ersten Informatiksemesters. Wer sonst versucht sich so anzumelden. An einem FTP?

Mehr davon »

Bedrohte Minderheiten. Heute: Die Jugend.

Rubrik(en): Gedanken, Politik. Veröffentlicht am 23. Juli 2009 um 12:56 Uhr.

Man kann den 68-ern ja vorwerfen, was man will. Heute will ich ihnen auch einmal etwas vorwerfen. Nämlich, dass sie mit ihrem verhunzten Aufstand für die Vergreisung der deutschen Gesellschaft verantwortlich sind.

Mehr davon »

Zäsuren.

Rubrik(en): Gedanken. Veröffentlicht am 2. Juli 2009 um 10:17 Uhr.

Mein Neffe ist beim Bund. Gerade lief er noch mit seiner viel zu großen Brille fröhlich lachend durch die Wohnung und plötzlich trägt er eine Uniform. Wo ist nur die Zeit geblieben? Ihn gehen zu sehen ist schon seltsam. Vor mittlerweile einem Jahrzehnt war ich es, der zum Dienst ging. Und jetzt Robert. Damals war er gerade erst aufs Gymnasium gekommen, mittlerweile hat er sein Abitur.

Mehr davon »