9 Uhr 30
Alexander kommt pünktlich wie früher die Eisenbahn zum Frühstück.
10 Uhr 5
Denise erklärt sich gezwungenermaßen bereit, nicht nur Alex’ sondern auch meine Hemden zu bügeln. Das ist total toll von ihr.
10 Uhr 6
Fabian hat eine Idee, wie wir im Flugzeug zu dritt Quake ohne Router spielen können. Schließlich sind wir die Netzwerkfuzzies am DAI und irgendwie muss sich das ja widerspiegeln.
10 Uhr 40
Alex fällt ein, dass ich ja noch meinen Koffer packen muss.
11 Uhr 30
Ich bin marschbereit.
12 Uhr 3
Der S-Bahnhof ist mit Schülern überfüllt. Man könnte meinen, dass Bravo & Co. am Klamotten- und Accessoireumsatz der Pubertierenden beteiligt wird. Deren Kleidung und ihr Gehabte ist individuell aber stereotyp. Uniformiert mit Freiheiten, sozusagen. Mir läuft es kalt den Rücken herunter. Ein Glück, dass Alex da ist, alleine hätte ich mich bestimmt gefürchtet.
12 Uhr 20
Wir kriegen die S9, die wir an der Prenzlauer um ein paar Minuten verpasst haben. Eigentlich wollte ich noch einen Blick auf den Treptower Park erheischen, doch dafür genieße ich nun das Frühlingswetter von der S-Bahn aus und ebenso die Blicke auf mein Reisegepäck.
13 Uhr 30
Inzwischen sind wir zu dritt und stärken uns ein wenig vor unserem höchst anstrengenden Flug. Heute hatte ich Glück im Sicherheitscheck: Weder brauchte ich mich zu entkleiden, noch um Gepäck zu erleichtern. Letzteres lag daran, dass ich meine Sachen bereits am Schalter aufgegeben habe. Warum meine Person keine Gefahr für die transeuropäische Sicherheit ist, bleibt mir schleierhaft. Vielleicht liegt es an dem schönen Frühlingswetter und der guten Laune der Sicherheitsbeamten. Möglicherweise sehe ich aber auch nur vertrauenserweckender als im Januar aus. Mit meinen kurzgeschorenen Haaren. Irgendwie sind die Sicherheitsregeln doof.
14 Uhr 45
Pünktlich wie ein Uhrwerk machen wir uns auf den Weg zur Startbahn, nachdem wir persönlich über unsere besondere Verantwortung als Passagiere am Notausgang aufgeklärt wurden. Alexander hat die Broschüre so genau studiert, dass er einen Abschluss in Notausgangöffnung erhalten kann. Das nenne ich Verantwortungsbewusstsein.
15 Uhr 5
Nachdem wir die hinterste Startbahn angepeilt haben, sind wir endlich in der Luft. Da WLANs und elektronische Geräte verboten sind, entscheiden wir uns für Skat.
15 Uhr 17
Ein freundlicher Easyjet-Steward versucht uns mit viel Humor -sprich: Ironie – davon zu überzeugen, dass wir die supertollen Merchandising-Artikel oder Parfüms kaufen müssen. Wenngleich wir vom Verkaufsverhalten begeistert sind und zeitweilig unser Skatspiel vergessen, bewahren wir einen kühlen Kopf und kaufen nichts.
16 Uhr 8
Wir haben drei kurze Fragen an unseren Lieblingssteward, die uns knapp beantwortet werden: Wir fliegen um 16 Uhr 8 bei ca. 850 km/h auf 10.000 m Höhe. Hmmm, sieht langsamer aus.
17 Uhr 3
Das Wunder von Genf: Wir sitzen im Zug. Der Flieger musste ein paar Runden über Genf drehen, demzufolge sind wir später gelandet. Hinzu kommt, dass unser Gepäck im Schneckentempo angeliefert wurde. Man stelle sich einen Raum mit ungefähr zehn Paketbändern vor. Das am weitesten entfernte ist natürlich das unsrige und es bewegt sich nicht. Zirka fünf Minuten ziehen ins Land, bis eine dieser lustigen Paket-Transport-Zugmaschinen ein paar Anhänger Koffer anliefert und vor dem Paketband stehen bleibt. Nach einem kurzen Schwatz der Angestellten verschwinden die Koffer »per Hand« in einem Raum hinter dem Band, dass sich nun endlich in Bewegung setzt und selbige an die Passagiere ausliefert. Als ordentliche Deutsche haben wir unseren Zug natürlich schon längst aufgegeben, doch in einem optimistischen Wahn legen wir einen Gewaltmarsch hin, der uns neunzig Sekunden später zum Zug führt. Ein Glück, dass der Bahnhof direkt am Flughafen ist. Also wesentlich direkter, als in Schönefeld.
17 Uhr 20
Man reicht förmlich das Schweizer Uhrwerk. Das imposante Panorama aus Alpen und Genfer See zieht an uns vorbei. Davor haben sich die Siedlungen in Reih und Glied angeordnet. Vorbei ziehen Weingüter und Hopfenfelder, kleine Kapellen verbergen sich auf Anhöhen, hin und wieder sieht man fein säuberlich aneinandergereihte Einfamilienhäuser und zwischendurch prangen einem Neubauten entgegen. Der Mix aus abgeklärtem Neuen und romantischem Alten schafft eine Nüchternheit, die den Fremden vor Heidi-artiger Verträumtheit schützt – was bei dieser Silhouette durchaus verständlich wäre.
17 Uhr 36
Ein Hornbach mit französischer Überschrift sieht doch gleich viel stilvoller aus.
17 Uhr 57
Man kann eigentlich auch nicht anders als demütig ins Kleine verfallen, bei solch einem majestätischen Panorama. Wie will man Alpen und See auch übertrumpfen? Alles, was man tun kann ist, im Kleinen sein Bestes zu geben. Genau das tun die Schweizer.
18 Uhr 22
Wir kommen fast auf die Sekunde genau an.
18 Uhr 47
Check in. Sie spricht englisch, er versteht deutsch. Unsere Zimmer liegen übereinander. Erste, zweite und dritte Etage. Schade. So bleiben uns nur das Haustelefon und Klopfzeichen.
18 Uhr 50
Die Zimmer sind schlicht, aber ausreichend.
19 Uhr 15
Sammeln unten, also im Foyer. Alex fehlt. Fabian und ich holen ihn ab.
19 Uhr 19
Alex wartet vor dem Hotel. Unten ist für ihn offenbar ein dehnbarer Begriff.
19 Uhr 34
Wir sind am Tagungshotel. Es geht steil bergauf. Die Gruppe ist in einem Restaurant in der Nähe unseres Hotels. Wenigstens haben wir nun eine Stadtkarte. Wir entschließen uns, einen Spaziergang zu den anderen zu machen.
19 Uhr 51
Der See liegt still. Alexander macht Bekanntschaft mit einem Schwanenpaar.
19 Uhr 58
Wenngleich die Landschaft zum Verweilen schön ist, so treibt uns doch der Hunger vorwärts. Einen Moment überlegen wir, ob und wie wir einen der vielen großen Fische aus dem Yachthafen angeln, doch die Wahrscheinlichkeit dafür ist grob grob überschlagen: mager und außerdem will ich auf meinen Schal nicht verzichten.
20 Uhr 7
Unser Spaziergang hat uns schlussendlich zu besagtem Restaurant geführt. Ein Blick auf die Speisekarte sagt uns, dass das informelle Meeting wegen Bargeldmangel ausfällt. Dafür genießen wir umso mehr das kostenlose Panorama aus blauschimmernden Bergen, hinter denen sie Sonne purpurn versinkt.
20 Uhr 9
Wir überlegen, ob wir nicht hierbleiben und bei der örtlichen Universität anheuern sollen.
20 Uhr 18
Wir haben einen Dönertiermann gefunden, der in Burgern statt in Dönertierbrot serviert. Sehr lecker, aber umgerechnet sieben Euro für einen Döner und eine Cola ist schon respektabel. Mein Bargeldbestand ist somit verbraucht.
20 Uhr 47
Restaurants werden wir in dieser Woche wohl eher nicht besuchen, die Preise lassen einem Tränen in die Augen schießen.
21 Uhr 3
Auf unserer Suche nach Bier und einer passenden Lokalität kommen wir an einer Kellerkneipe vorbei, in der Ein Käfig voller Helden“ auf französisch über den Bildschirm flackert. Glücklicherweise kann man hier nur bar zahlen.
21 Uhr 13
Wir haben frisches schweizerisches Bargeld. Nur eine Kneipe fehlt.
21 Uhr 27
Zehn Restaurants gehobenen Niveaus und sechs «Cabaret» genannte Stripclubs später. Wir haben uns dazu entschlossen, doch nicht hier arbeiten zu wollen. Ohne anständigen Bierschuppen wird der Mensch doch nicht froh. Es sei denn, wir machen einen eigenen auf. Aber Forschung und Kneipe lassen sich nur sehr schwer miteinander vereinen. Vor allem in der IT.
21 Uhr 31
Wir sind gerettet: eine Studentenkneipe! Das Bier ist äußerst süffig und zu unserer Freude ist das Hotel direkt gegenüber. Also kehren wir ein, strapazieren ein vorletztes Mal meine dünnen Französischkenntnisse für Bier und sind fast zufrieden.
21 Uhr 57
Mein Französisch kann sich ausruhen. Nachdem ich ganz tief in die Trickkiste gegriffen und in den ersten Lektionen aus der siebten Klasse geschmökert habe, verfügen wir nun über ein Rommé-Blatt, aus dem wir uns schließlich ein Skatblatt basteln. Nun sind wir zufrieden.
23 Uhr 40
Die letzte Runde Bier und es ist noch nicht mal richtig Mitternacht! Nun gut, die Zeit reicht grad noch für ein Kleines.
23 Uhr 59
Damit uns unser Kneiper auch morgen noch mag, machen wir jetzt Schluss. Die Spiele wurden bilanziert. Und ja, Alex hat gewonnen.
Weitere Teile dieser Serie
- Neuchâtel - Tag drei
- Neuchâtel - Tag eins (This post)
- Neuchâtel - Tag fünf
- Neuchâtel - Tag vier
- Neuchâtel - Tag zwei






