Ich nutze die Gunst der Stunde und gehe zum lokalen Fitness-Dealer meines Vertrauens. Ich freue mich schon so richtig auf eine Stunde Knochenstrecken in ruhiger, entspannter Atmosphäre. Eigentlich hätten mir die zwei Turnbeutelträger vor der Haustür schon ein böses Omen sein sollen, doch ignorant wie ich nunmal bin gehe ich weiter. Am Tresen hat sich bereits eine Schlange gebildet. Eine kosmetikagetunte, offenbar alleinstehende Endvierzigerin versucht mit einer Aneinanderreihung von Konditionalfragen bezüglich ihres Vertrags möglichst viele Worte mit dem höflich genervten Angestellten zu wechseln. Es scheint, als ob sie bei ihm Landen will. Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob sie für seine Landebahn überhaupt in Frage kommt, doch wie es aussieht, will sie wohl genau das in Erfahrung bringen. Nachdem er das Fragenknäuel der guten Frau mehrere Male auseinandergedröselt und sowohl logisch einwandfrei als auch idiotensicher beantwortet hat, damit sie es anschließend fein säuberlich in seinen Ausgangszustand zurückverfitzt, bemerkt sie die Schlange hinter sich und zieht diplomatisch grinsend von Dannen. Der tapfere Recke hinterm Tresen verzieht keine Miene, doch seine Augen versenden maschinengewehrartig Stoßgebete. Offenbar bin ich der mit dem schnellsten Anliegen, denn ich werde zuerst bedient – auch wenn ich ganz hinten stehe. Auf dem Weg in die Umkleide überkommt mich ein Schatten dunkler Gedanken: ‘Hier ist ja alles voll! Mit komischen Leuten!’ In der Kabine sind – zu meinem Erstaunen – noch fast alle Spinde zu haben. Seltsam.
Ich starte zum ersten Gerät. Rings umher nur Menschen, die am Besten nichts Körperbetontes anziehen sollten, es aber trotzdem tun. Gut, also suche ich mir ab sofort Fensterplätze. Beruhigend, so nach draußen zu sehen. Nach jedem Gerätewechsel scheint mir der Laden hier voller zu werden und irgendwie steigt mit ihm auch der Altersdurchschnitt. Man fragt sich, was die Rentner den ganzen Tag so machen und jetzt fällt es mir wie Schuppen aus den Augen: Die gehen ins Fitnessstudio! Von jetzt an werde ich lieber die Straßenseite wechseln, wenn ich wieder einen mit Stöcken bewaffneten Rentnertrupp sehe. Diese Krücken sind doch nur Tarnung. Die brauchen das doch eigentlich nicht. Die sind doch alle hier im Fitnessstudio und sehen ziemlich fit aus. Die alten Mäntel, Hüte und Brillen täuschen doch nur darüber hinweg. In Wirklichkeit sind das Uniformen paramilitärischer Vereinigungen entstanden aus purer Langeweile. Wie die Kampfgruppen früher, nur konspirativer. Ich frage mich, ob die vom Verfassungsschutz bezahlt werden, von den Renten geht das ja inzwischen nicht mehr. Bestimmt trifft man sie morgen um die gleiche Uhrzeit beim Kampfsport.
Nun, wie dem auch sei, ich muss die richtige Uhrzeit für ein leeres Studio offenbar noch finden. Allerdings war heute eine kleine, knuffige Omi da. Sie war schon gut in die siebzig und ging mir bis knapp über den Bauchnabel, aber an den Geräten ging sie ab. Das war eine Schau! Eine Bilderbuchomi – klein, alt, zum knuddeln und dreimal älter als ich – geht gemütlich inmitten dieser nüchtern schwarz-grauen Kunstleder-Stahl-Kolosse umher, sucht sich einen aus und bezwingt ihn. Ein Gerät dort trainiert die Halsmuskeln: Da spannt man seinen Kopf ein, kippt ihn nach links und rechts gegen einen gewichtigen Widerstand. Die Maschine misst etwa 160 x 210 x 160 Zentimeter. Da hätte die Omi sechsmal reingepasst! Und dann sitzt sie auf dem Schemel in der Maschine, ihren Kopf in ihr Handtuch gewickelt, so dass man eigentlich nur ein weißes Handtuch, eingespannt zwischem schwarzen Kunstleder und Stahl, sieht, dass nach rechts und links kippt und man weiß nicht so recht: Ist das jetzt gut oder fällt der Kopf ab?
Weitere Teile dieser Serie
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