7 Uhr Der erste Wecker klingelt. Viel zu früh.
7 Uhr 5 Der zweite Wecker klingelt. Auch nicht besser. Die Welt ignoriert meinen Acht-Uhr-Vorschlag offenbar konsequent. Das ist Wasser auf die Mühlen meines nicht vorhandenen – weil noch immer schlafenden – Selbstbewusstseins.
7 Uhr 6 Meine Blase ist als erste wach und übt einen diktatorischen Druck auf den Restkörper aus. Demokratische Mehrheitsentscheidungen sind offenbar noch nicht. Ich füge mich unter Protest.
7 Uhr 10 Ich liege wieder. Der Körperdemokratie wurde zum Sieg verholfen. Toll!
8 Uhr 15 Meine Cornflakes-und-Milch-Idee hat sich als gut erwiesen. Gestärkt tippe ich die ersten Seiten des vergangenen Tages ein.
8 Uhr 45 Bin schon drei Seiten weit, aber nun müssen wir los.
8 Uhr 48 Auf einer Bank, nahe unserer Wohnung, sitzt ein alter, fast zahnloser Mann mit einem schelmischen Gesicht und begrüßt den schönen Morgen mit seiner Flasche Weißwein. Irgendwie sind wir neidisch.
8 Uhr 57 Auf dem Platz kurz vorm Hotel ist ein Café, in dem man sicherlich gut und entspannt frühstücken kann. Wir beschließen, dass wir das morgen mal versuchen, wenn sich das Wetter kooperativ verhält.
9 Uhr 15 Im Meeting kann sich meine Aufmerksamkeit trotz Kaffee nur in Grenzen halten, dem allgemeinen Diskussionsfortschritt geht es offenbar genauso. Ich öffne meinen Rechner und vermisse meine drei Seiten.
9 Uhr 26 Trotz intensiver Suche ist nichts zu finden. Jetzt mein Buch herauszuholen und mit erneutem Schreiben zu beginnen, ist im Augenblick nicht ganz so toll, glaube ich. Also lese ich ersteinmal Nachrichten.
18 Uhr 5 Wir sind fertig und haben Überstunden gemacht. In der zusätzlichen Zeit sind sogar ernsthafte Ergebnisse zustande gekommen. Wir sind richtig stolz auf uns. Da es in 40 Minuten weitergeht, kann ich das Abtippen des gestrigen Tages vergessen.
18 Uhr 7 Der für den Nachmittag angesagte Regen kommt verspätet und zwar genau…3,2,1 jetzt. Mein Schirm liegt bestimmt sehr bequem. Im Schrank.
18 Uhr 25 Der Regen mausert sich, er ist jetzt schon Gewitter, allerdings kann es noch nicht mit den letzten Berlinern konkurrieren. Gibt es friedliche Gewitter? Falls dem so sein sollte, dann ist dies eines davon.
18 Uhr 35 Mein Schirm bekommt Arbeit – wir gehen los.
19 Uhr 7 In zwei Busse gepfercht, fahren wir zum Social Event. Ein slowenischer Kollege erklärt uns ein wenig zur Geschichte des Klosters, in das wir gebracht werden. Er erzählt kurz, wann es gebaut wurde, verheddert sich ein wenig im Gründungsjahr… 2055, 2525, 255, 1255. Schließlich stellt er fest, dass es schon sehr alt ist. Anschließend kürzt er die blutige Phase des Klosters – bis zum Ende des zweiten Weltkrieges ab mit der Bemerkung: Ja und dann gab es eine Zeit, in der der jeweilige Besitzer grad ermordet wurde, weil ihm das Kloster gehörte, oder weil er ihm vorstand, aber das wird jetzt zu lang. Zwischendrin fängt es an zu regnen und er preist die Einzigartigkeit des slowenischen Regens an: Wenn man im Regen steht, wird man nass. So geht es weiter, bis wir lachend aus dem Bus steigen.
19 Uhr 37 Das Kloster selbst wurde offenbar in den Fels gehauen und ist von dichtem Wald umgeben, die Wirtschaftsgebäude sind noch intakt; das ganze erinnert an einen Märchenfilm. Am liebsten würde ich mir ein Taschenmesser und etwas Haselnussstrauch nehmen und Mühlen bauen. Mir kommt Eichendorff in den Sinn.
19 Uhr 55 In drei Gruppen gehen wir ins technische Museum, dass sich im Großteil der Wirtschaftsgebäude befindet. Wir beginnen den Rundgang mit Titos Automobilsammlung. Wenn ich mal groß bin, will ich auch Diktator werden: Dann bekommt man immer supertolle Sachen von seinen Unterdrückten geschenkt. Ganz viele Autos mit dickem Panzerglas zum Beispiel. Der Rest der Ausstellung besteht aus einer mehr oder weniger logisch geordneten Ansammlung diverser Fahrzeuge… Autos, Motorräder, Traktoren, Fahrräder. Der Führerin fällt es offensichtlich äußerst schwer, uns zu erklären, was wir gerade sehen, am Schluss erfahren wir, dass ihr wohl niemand gesagt hat, dass die ganze Führung auf englisch sein soll. Aber unsere Slowenen bieten sich sofort als Dolmetscher an.
0 Uhr Ein gutes Essen mit gutem Wein ist zu Ende, wir fahren völlig gesättigt heim.
0 Uhr 31 Auf unserem Heimweg finden wir eine Kneipe unter einer Brücke im Brückenkopf und müssen natürlich noch auf einen Absacker rein. Unten findet sich ein schönes Gewölbe, dass durch große Glastüren vom Fluss getrennt ist. Wenn man will, kann man sich auf die Stufen zum Fluss bei offener Tür setzen, seinen Drink genießen und so gleichzeitig drinnen und draußen sein. Wunderschön.
1 Uhr 2 Wir kommen zu spät für die zweite Runde. Die Kasse ist wohl schon zu. Ob es eine Sperrstunde gibt, können wir allerdings nicht erfahren. Traurig gehen wir heim, wo uns noch ein hammerharter Apfelsaft erwartet.
1 Uhr 4 Die Stadt ist bei jeder Tages- und Nachtzeit schön und strahlt ebenso ihre Ruhe aus. Hier könnte man mal ein paar Wochen verbringen.
1 Uhr 24 Erst kein Bier auf den Heimweg mehr wollen, aber sich dann nicht lösen können, das sind mir die Richtigen. Vielleicht ist es besser so, sonst würden wir bestimmt noch länger sitzen und morgen nicht aus den Augen gucken können.
Weitere Teile dieser Serie
- Ljubljana - Tag drei
- Ljubljana - Tag eins
- Ljubljana - Tag vier
- Ljubljana - Tag zwei (This post)






