Ljubljana – Tag drei

Rubrik(en): Reisenotizen. Veröffentlicht am 29. Juni 2007 um 10:21 Uhr.

7 Uhr 4 Ein Wecker klingelt. Ich bin dagegen, aber es wird nichts helfen.

7 Uhr 24 Jetzt muss ich auch noch aufstehen und es ist alles so schwer an mir.

7 Uhr 25 Auf dem Weg ins Bad wird mir klar: Das ist die Rache der Welt für meine Acht-Uhr-Idee. Nun. Repression ist ein Ausdruck der Angst vor Veränderungen oder Meinungen, die notwendig bzw. wahr sind. Aha. Soso. Die Welt hat Angst vor mir. Ein Planet zittert, wenn ich denke.

7 Uhr 26 Ein Glück, dass ich morgens wenigstens nicht laut denke, ansonsten würde man sich bestimmt Sorgen machen. Ich verdränge die gerade gedachten Gedanken und konzentriere mich auf meine Zahnhygiene.

7 Uhr 54 Ich versuche, die Abschrift des inzwischen vorgestrigen Tag noch einmal anzufangen, aber es bringt nicht viel. Ich bin noch völlig hirnlahm.

8 Uhr 14 Wir gehen erst einmal frühstücken, schließlich gibt sich das Wetter kooperativ und lädt quasi dazu ein.

8 Uhr 16 Der alte Mann von gestern spricht uns an. Wir antworten auf englisch, woraufhin er nach Deutsch fragt und um Geld bittet. Sein Atem lässt schon von Weitem vermuten, was er mit dem Geld vorhat. Manchmal sind Gaben ein Kreuz, vor allem, wenn die eigene darin besteht, Geld in Wein umwandeln zu können.

13 Uhr Also eigentlich ist jetzt Feierabend. Da die Ergebnisse der gestrigen Überstunden auf eher offene Ohren stießen, haben wir uns natürlich gleich die nächste Aufgabe aufgehalst, die wir so schnell wie möglich wieder von Selbigem weg haben wollen.

16 Uhr 10 Nun ist’s aber gut, schließlich haben wir außer Kneipenbesuchen noch nichts touristisches gemacht und morgen fahren wir schon wieder heim. Aber Kaffee und Kuchen müssen schon noch sein.

16 Uhr 35 Mit einem Zwischenstop im Appartement machen wir uns auf den Weg zur Burg.

17 Uhr Oben. Das war ja einfach. Nur mit meinen Sandalen muss ich aufpassen, denn die haben kein Profil. Null. Niente. Nada. Das hat zur Folge, dass mir selbst Gullideckel gefährlich sind, weil ich darauf ausrutschen kann.

Die Burg sieht irgendwie unwirklich aus. Alles ist wie im Lehrbuch und schnörkellos. Komisch.

17 Uhr 5 Wir sind auf dem Weg zum Turm. Ein Bergfried ist uriger. Die gusseisernen Treppenstufen zeigen einen Drachen, der auf einem Turm sitzt. Auf dem Weg nach oben lese ich mich in die Geschichte der Burg ein und finde Bestätigung: Die Burg wurde im 15. Jahrhundert weitestgehend aus Holz gebaut. Im 200 Jahre später hatten die Habsburger den Laden übernommen und erstmal für anständige Standards gesorgt, sprich: Eine richtige Burg, mit so Steinen. Gut, der Nachteil ist, dass man sich während der Umbauten aus vorhandenem Bestand bedient hat. Also findet man immer wieder ein paar Fragmente wesentlich älterer Häuser: Einen Teil einer Inschrift, einer Säule oder einer Skulptur. Die Habsburger müssen den touristischen Wert einer solchen Burg schon recht früh gesehen haben, denn sie haben peinlichst dafür gesorgt, alle Bestandteile einer solchen Anlage sauber verteilt in der Burg zu platzieren. Wie ein Lehrbuch. Dafür wirkt das Ganze aufgesetzt.

17 Uhr 12 Die Preise halten sich in Grenzen. Wir stehen auf dem Turm und schauen ins absolut flache Tal hinab. Rings umher kreisen uns saftig grüne Hügelketten ein. Hin und wieder steht ein Hügel auch im Tal, wie ein Vorposten. Traumhaft.

17 Uhr 30 Mit 3D-Brille und Audiodingensirgendwas bewaffnet sitzen wir in einem kleinen Kinosaal, der hier Virtual Museum heißt. Wir fliegen durch dreidimensional durch die Stadtgeschichte. Grafisch gesehen war es sehr schön, nicht nur stupide 3D-Modelle, sondern auch ausgezeichnete Texturen und sich bewegende Menschen in der zeitlich angemessenen Kleidung. Eine nette Pullerei. Inhaltlich muss man es sich nicht unbedingt geben, für mich war es zu patriotisch. Slowenien hier und Ljubljana dort, das nervte irgendwann. Interessanterweise gab es eine Periode zwischen 1941 und 1984, in der es offenbar nur architektonische Entwicklungen gegeben haben muss. So ganz vorbei ist das dann eben doch nicht. Man redet nur nicht darüber.

18 Uhr Wir sind auf dem Weg nach unten. Der Untergrund und meine Schuhe machen mir zu schaffen, selbst Lars hat mit seinen Turnschuhen zu tun.

18 Uhr 15 Alles ohne Blessuren überlebt. Darauf ein Bier. Nur Lars kann nicht mit. Der muss joggen. Streber.

18 Uhr 19 Thomas und ich finden das grüne Bier. Der Taxifahrer hatte völlig recht. Nur diese 0,2l-Gläser sind anstrengend.

18 Uhr 21 Hier wird echt überall rundenweise kassiert. Thomas gibt einen 20€-Schein, den der Kellner «in einer Minute» wechseln will.

18 Uhr 22 Er kommt vorbei, ignoriert uns aber.

18 Uhr 23 Er kommt vorbei, ignoriert uns aber

18 Uhr 24 Er kommt vorbei, ignoriert uns aber. Wir geben die Lauerhaltung auf.

18 Uhr 28 Das ständige Nachschenken ist nervig. Bei der nächsten Runde gibt’s entweder größere oder keine Gläser.

18 Uhr 29 Die Minute ist vorbei, der Kellner kommt. Vor uns sind aber noch die Mädels am Nachbartisch dran.

18 Uhr 31 Thomas bekommt sein Wechselgeld, ich bestelle schonmal die nächste Runde. Die großen Gläser sind ihm ungewohnt, aber er bemüht sich.

18 Uhr 35 Die Guiness-Gläser sind da, wir atmen erleichtert auf.

21 Uhr 17 Der Biergarten am Fluss ist zwar sehr angenehm und gut gefüllt, allerdings gibt es hier nichts zu essen. Also ziehen wir los.

21 Uhr 36 Wenn man schon so leicht im Lack und mitten im Gespräch ist, vergisst man recht schnell, warum man überhaupt losgelaufen ist. Nach einer unbefriedigenden Suche entscheiden wir uns, an den kleinen Platz vom Dienstag zu gehen und das Restaurant gegenüber zu wählen.

21 Uhr 40 Eine gute Entscheidung. Es gibt dünne Streifen vom Fohlen mit Buchweizen und Waldpilze.

22 Uhr 15 Lars hat noch nicht angerufen. Tja, hätte er mal machen sollen, nun hat er das tote Pferdekind mit Rhabarberverwandschaft verpasst. Da die hier kein grünes Bier haben, gehen wir zurück in den Biergarten.

22 Uhr 21 Ein Platz wurde frei. Wir Glücklichen!

23 Uhr 17 Thomas fällt die Kneipe unter der Brücke ein. Die machen doch schon um eins zu.

23 Uhr 23 Am Fluss unter eine Brücke zu sitzen ist irgendwie toll. Allerdings ist der Rum irgendwie komisch. Die Gläser riechen nach Gummitierchen.

0 Uhr 33 Na wir holen uns mal gleich zwei Drinks, damit wir jetzt nicht hetzen müssen. Wieder Gummitierchengeruch in der Nase.

0 Uhr 50 Das Licht geht innen an. Ich dränge Thomas, seinen Whiskey schneller zu genießen.

1 Uhr 12 Im Appartement. Lars schläft schon tief und fest. So ein Weichei. Wir gehen nochmal los.

1 Uhr 13 Im Freisitz der Kneipe vorm Haus sitzen noch fleißig Leute, aber die Kneipentür ist schon abgeschlossen. Die haben echt Sperrstunde hier. Das ist ja traurig. Gesenkten Hauptes gehen wir wieder hoch und legen uns hin. Es hätte alles so schön sein können. Jedes Land braucht irgendwie eine barbarische Sitte, aber die Sperrstunde ist ein Frontalangriff auf die Menschenwürde.

Weitere Teile dieser Serie

  1. Ljubljana - Tag drei (This post)
  2. Ljubljana - Tag eins
  3. Ljubljana - Tag vier
  4. Ljubljana - Tag zwei

  1. Hey, von wegen Weichei! Abgeschirmt habt Ihr Euch. Ihr wolltet das Furysteak ohne mich verspeisen … ja, ja, was hätte wohl Lucky Luke dazu gesagt? Ansonsten sehr nett geschrieben. Na svidenje! Lars

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