Auf dem Weg zum Zorn.

Rubrik(en): Gedanken, Politik, Re(e)volution, Zeitgeist. Veröffentlicht am 2. Januar 2012 um 22:06 Uhr.

Ich sage es gleich zu Beginn: Ich bin stinksauer.

Ich bin sauer, weil wir allem Anschein nach auf einem Niveau angekommen sind, wo man sich fragt, ob die Welt spinnt oder man selbst. Und obwohl man weiß, dass es die Welt sein muss, den Kopf duckt, die Füße still und die Faust in der Tasche hält. Doch dann sind da diese kleinen Momente, in denen einem Konstantin Weckers Zeilen wieder in den Sinn kommen: »[…] trotzdem, Willy, ma muaß weiterkämpfen, kämpfen bis zum Umfalln, a wenn die ganze Welt an Arsch offen hat, oder grad deswegn.«

Ich frage mich ernsthaft, was dem Amt des Bundespräsidenten mehr schadet: Derjenige, der in einem Husarenstück ins Schloss gewählt wurde, oder etwa der Titel der aktuellen Titanic. Letzteres ist eindeutig weit jenseits der Grenze des Anstandes, doch wo ist dann der gegenwärtige Inhaber des höchsten Amtes unserer Republik auf derselben Skala zu finden? Mehr davon »

zeit/formen

Rubrik(en): Gedichte, les études. Veröffentlicht am 1. Januar 2012 um 23:57 Uhr.

etwas gestern
steckte heute
tief im morgen

versteckt offenbarte
gestern was morgen
offenbar versteckte

heute blieb
verborgen
blieb gestern

ich sah
heute anders
als ich
gestern sah

heute
wurde was
morgen
gewesen war

am ende
würde
gestern
morgen

 

Exzessives Vergleichen.

Rubrik(en): blog. Veröffentlicht am 9. November 2011 um 15:03 Uhr.

Ich lerne ja immer dazu. Heute, also jetzt gerade eben erst, habe ich gelernt, dass es Sprachen gibt, die mehr als nur drei Formen kennen, um auszudrücken, wie etwas miteinander verglichen wird.

Wiederholung. Im Deutschen ist es recht einfach: Wir haben einen Positiv (Dieser Berg ist hoch.), einen Komparativ (Der da drüben ist aber höher.) sowie einen Superlativ (Der Everest ist am höchsten.). Also klein, mittel, groß und das ist auch schon alles.

Eigentlich.

Das Neugriechische etwa kennt noch eine weitere Form – den Elativ. Der Elativ steht über dem Superlativ. (Toll, oder?) Um in den Beispielen von vorhin zu bleiben: Die Griechen kennen also eine Form, mit der man den Everest sogar noch toppen kann. (Großartig, oder?) Damit muss man nämlich nicht ständig alles relativieren. (Der Everest ist der bislang höchste Berg.) Allerdings kann man einen Elativ auch im Deutschen abbilden. (Auch toll, oder?)

Bei Wikipedia fand ich folgende Erklärung dazu:

Superlativ: »Wir arbeiten mit den modernsten Maschinen ihrer Art.« (vergleichend)
Elativ: »Wir arbeiten mit modernsten Maschinen.« (Unabhängig von anderen Maschinen sind die Maschinen herausragend.)
Elativ (Partikel): »Wir arbeiten mit extrem modernen Maschinen.«
Elativ (Präfix): »Wir arbeiten mit hochmodernen Maschinen.«

Entweder verwenden wir also den Superlativ nicht vergleichend oder wir schnappen uns den Positiv des gewünschten Adjektivs und pappen etwas davor.

Im nichtschriftlichen Sprachgebrauch wird der Elativ übrigens häufiger gefunden als man denkt.

Oft erscheinen bei den beiden letzten Formen lokalen Mundarten oder Soziolekten entsprungene Wörter. Präfixe wie »erz-«, »schwer-«, »super-«, »mega-«, »ur-«, »end-«, »ober-« werden zur Bildung von beispielsweise »erzgewaltig«, »schwerreich«, »superschnell«, »megavoll«, »urheiß«, »endschnell« und »oberheftig« herangezogen. Entsprechende Intensivpartikeln sind »konkret«, »voll«, »fett«, »krass«, »übel«, »derbe«, »hammer«.

Also verwenden wir tagtäglich die griechische Grammatik, weil die deutsche megaschwer ist. (Und das für umme! Die könnten sich damit glatt sanieren, wenn die Lizenzgebühren fordern würden.)

Und Superlative ohne Endung sind auch Elative (höchst, freundlichst). Wikipedia kommt dann aber gleich mit dem bösen Hyperlativ um die Ecke. (Naiverweise nahm ich zunächst an, diese Aneinanderreihung von Präfixen der übelsten Sorte wäre schon hyper. Vielleicht könnte man die stattdessen hysterische Komparativpräfixe nennen?) Einn böser Hyperlativ ist beispielsweise ein zusammengesetztes Adjektiv, das während des Steigerns überbeansprucht wurde, denn: Entweder man hat ein zusammengesetztes Adjektiv oder man steigert es. Beides zusammen geht nicht. Denn dann werden bösartigste Wortmonster erschaffen (die bestmöglichste Lösung), die nur Pest und Verderbnis bringen. Darunter auch meine beiden Lieblinge: Die optimalste Lösung und der einzigste Ausweg. Zwei Möglichkeiten gibt es allerdings, solche Hyperlative einzusetzen, ohne die Sprache zu vergewaltigen. Entweder man heißt Johann Wolfgang von Goethe, dann lässt die Sprache sowieso alles mit sich machen, oder man deklariert es als rhetorisches Mittel. Das allerdings hat den Nachteil, dass man dann auch etwas damit bezwecken wollen muss. Also nicht nachzudenken, den Hyperlativ eher aus Versehen zu verwenden und dann hinterher sagen »Das war jetzt Rhetorik«, das geht dann nicht. (Es sei denn, man zaubert auf die Schnelle eine Erklärung aus dem Hut.)

Die bombastischen Basken wiederum haben einen Elativ, den man Exzessiv nennt. Im Staate Dänemark kommt mir einiges sehr spanisch vor. Italien ist noch viel spanischer als Dänemark. Griechenland ist am spanischsten. Spanien ist mir zu spanisch.

 

Ist das nicht alles größtartigst?

Empörung. Eine ungehaltene Rede.

Rubrik(en): Gedanken, Politik, Re(e)volution, Zeitgeist. Veröffentlicht am 17. Oktober 2011 um 13:08 Uhr.

Im Frühjahr diesen Jahres habe ich einigen Versammlungen der Spanischen Revolution in Berlin beigewohnt. War der basisdemokratische Charakter eines offenen, gleichberechtigten Plenums zu anfangs noch spannend und weckte in mir Hoffnungen an die Kräfte der menschlichen Selbstorganisation, so sah ich recht schnell, dass es nach meinem Dafürhalten im Wesentlichen darum ging, der eigenen Unzufriedenheit Luft zu machen. Dies ist verständlich, aber auch nicht konstruktiv. Eine Bewegung ist erst dann eine politische, wenn sie ihrem Anspruch auch Taten folgen lässt.

Occupy Wallstreet hat dafür gesorgt, dass ihre Vorläufer in Europa wieder Auftrieb haben (der 15. Oktober war ursprünglich von der Spanischen Revolution Ende Mai als weltweiter Aktionstag beschlossen worden). Allerdings sieht man anhand der Teilnehmerzahlen, wie empört die Menschen in den einzelnen Ländern wirklich sind. Und hier zeigt sich, dass Deutschland offensichtlich noch ein Empörungsdefizit hat. Das kann man gut oder schlecht finden. Ich finde es gut, denn je schlechter die Zustände, umso empörter die Bevölkerung: Allein in Rom gingen etwa 150.000 Menschen an diesem Tag auf die Straße, in Deutschland etwa ein Zehntel davon. Mehr davon »

karger Sommer

Rubrik(en): Gedichte, les études. Veröffentlicht am 4. September 2011 um 18:01 Uhr.

Du hast mich
schlafen lassen
und bist gegangen Mehr davon »

Badetag

Rubrik(en): Gedichte. Veröffentlicht am 28. April 2011 um 9:07 Uhr.

Lange bunte Strudel fließen
auf den Abfluss zu -
Badetag

Ich sehe
wie Schmutz
zäh im Abfluss verschwindet

Überalterte Gerüche
Schweiß von gestern
und der Nacht davor

Blasse Schatten
auf meiner Haut
sind wasserlöslich

Du hast sie
mir gelassen
als Du gingst

Ich sehe Dich
Dein Gesicht mich
es vergeht im Strudel

Nichts von Dir
bleibt an mir
zurück. Nur ich.

 

110427

Das Regal

Rubrik(en): Geschichten. Veröffentlicht am 13. April 2011 um 22:18 Uhr.

Windschief klammert sich das Regal an zwei Wände. Im untersten Fach stehen Kompendien zu Programmiersprachen, Datenbanksystemen, Mail- und Fileservern sowie verschiedene Wörterbücher. Sein Großvater hätte sich das angesehen und ein Motto darin erkannt. Vielleicht: Das Wichtige kommt immer zuletzt. Oder: Wissen gibt dem Leben Halt. Aber danach wäre er schon verzweifelt und kopfschüttelnd weggegangen: Die übrigen drei Regalfächer bestehen aus Sedimentschichten von Ordnern, Heftern, Flyern, Plakaten, Einkaufszetteln, Prospekten, CDs, Kabeln, Kartons und Büchern. Der feuchte Traum eines Geologen. Irgendwann gab es da mal ein System, inzwischen bräuchte es ein gehöriges Maß an forensischer Fleißarbeit, um den Ursprungszustand wiederherzustellen. Mehr davon »

Sonntagmorgen

Rubrik(en): Gedichte, les études. Veröffentlicht am 27. März 2011 um 9:22 Uhr.

leise leise
leichte Schritte
weiches Kissen
sanfte Haut

milde milde
blaue Augen
öffnen leise
schließen gleich

strahlend glänzen
blonde Haare
rote Lippen
lächeln müd

040318

Nachtschatten

Rubrik(en): Gedichte. Veröffentlicht am 22. März 2011 um 13:56 Uhr.

Die Nacht,
stumm,
schrie, spie:
gebar Dich, Mich
als es hell wurde.

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Schrebergartenland

Rubrik(en): Gedichte. Veröffentlicht am 17. März 2011 um 22:33 Uhr.

Zaunsfelder starren vor sich hin
Dahinter: Verwaiste Gärten
in denen alte Männer stehen
die Krückstöcke in der Luft
und zetern

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