Rom – erster Tag

Rubrik(en): Reisenotizen. Veröffentlicht am 28. Januar 2007 um 19:41 Uhr.

5 Uhr 25

Ich verlasse das Haus. Der sonst so aufgeregt-hippe Prenz’lberg ist um diese exklusive Uhrzeit glücklicherweise noch nicht wach.

5 Uhr 38

Ich steige in die Ringbahn. Irgendwie scheint es, als ob gerade Schichtwechsel ist. Während die einen auf dem Heimweg sind, beginne ich die Reise erst. Ich werde von einem Duzend müder Augen begafft und fühle mich wie ein Fremdkörper.

5 Uhr 50

Umsteigen. Meine kläglichen Tabakreste verschenke ich an einen solchen Heimkehrer. Ich bin wohl zu fremd für ein Dankeschön.

6 Uhr 40

Das Terminal ist endlich erreicht. Doch die Odyssee beginnt erst. Labyrinth I bringt mich zur Abfertigung, wo mich eine viel zu große Schlange nervös macht. Ich gehe zu einem Schalter und frage, wie das ganze vor sich geht. Offenbar tarnt sich hinter dem philippinischen Akzent eine waschechte Berlinerin, denn ich muss mich fast bei ihr entschuldigen, dass ich nicht genau wusste, wie die Prozedur vor sich geht. Ich darf mich also an der Schlange anstellen.

6 Uhr 55

Mein Shampoo stellt offenbar eine akute Gefahr für die paneuropäische Sicherheitslage dar, auf jeden Fall darf ich es nicht mitnehmen. Al Quaida ist jetzt auch schon in der Kosmetik. Was kommt als nächstes? Schweinefleisch?

6 Uhr 56

Das Shampoo ist entsorgt, meine Schuppen lassen schonmal die Korken knallen. Nun darf endlich alles übers Band und ich durch den Metalldetektor gehen. Super. Meine Gürtelschnalle ist in verdacht, metallisch zu sein. Ich muss den Gürtel öffnen. Wegen der Sicherheit. Ich glaube, der kommt aus den USA. Eigentlich ein Garant für freien Eintritt. Nun aber sind meine Stiefel auch suspekt. Das ist gute amerikanische Ware, langsam beginne ich mich vor den Paranoia der Vorschriftenmacher zu gruseln. Ich ziehe also meine Schuhe aus und lasse meine Füsse auf Metall untersuchen während meine Schuhe eine Extrarunde im Röntgenband drehen.

6 Uhr 58

Ich darf mich anziehen, man dankt für die Kooperationsbereitschaft. Ist ja nur wegen der Sicherheit und alles für den Frieden. Naja, sage ich mir, wenn das so ist – für den Frieden ziehe ich mich doch gern aus.

7 Uhr

Oh mein Gott! Ich bin zu spät! An jeden Gateeingang sitzen zwei Zollbeamte in einem Glaskasten und überprüfen die Personalien, nur bei mir nicht. In meiner Verzweiflung werde ich mutig und gehe trotzdem. Hinter der nächsten Ecke empfängt mich eine nette EasyJet-Dame – der erste nette Mensch auf diesem Flughafen – und überprüft meine Personalien sowie meine Bordkarte. Stimmt, da war ja nochwas: Schengen. Heute spüre ich also die Wucht des Europa-Prozesses: Auf der einen Seite sparen wir Zeit durch das Weglassen der Paßkontrolle und auf der anderen Seite investieren wir diese Zeit, in dem wir bösartige Shampoo-Flaschen dingfest machen. Sehr clever.

7 Uhr 5

Gut, die Jets, die hinter der Glasfront parken, starten. Wäre auch zu einfach gewesen, das wir direkt von hier losfliegen. Aber da kommt auch schon der Zubringer.

7 Uhr 10

Wir sind endlich da. Ich stürme aus dem Bus und tue, wie mir geheißen: Geh zuerst rein und such Dir Deinen Platz am Notausstieg, da hast Du Beinfreiheit. Ich bin so schnell oben, dass mich der Steward fast nicht kontrolliert hätte, was letztlich gut war, denn: Der Flug hält in Berlin nur zwischen. Da sitzen schon Leute drin, die Notausgänge sind besetzt. Also Plan B: Such Dir einfach irgendwas und besetze am Besten eine Ganze Reihe.

7 Uhr 11

Gesagt, getan. Ich habe meine eigene Reihe fast ganz hinten.

7 Uhr 25

Nachdem ich weiß, dass ich eine Rettungsweste unter meinem Sitz habe, die ich erst nach dem Absturz und auch nur im Wasser aufpusten darf, geht es endlich los. Ich lasse mich angenehm in den Sitz drücken, sehe noch kurz ein wenig Landschaft im Dunkel vorbeiziehen und schon sind wir über den Wolken. Die sehen von oben auch nicht anders aus, als von unten.

7 Uhr 45

Die Sonne geht auf. Langsam sehe ich auch wieder etwas. Irgendwie scheint es, als ob das Flugzeug fast steht: die Wolkenschicht zieht sehr langsam unter uns weg.

8 Uhr 10

Wir bewegen uns doch: Ich sehe Berge.

8 Uhr 14

Die Alpen haben die Wolkendecke aufgerissen. Ein paar mutige Wolken schieben sich durch die Täler und über die Gipfel. Sieht irgendwie anstrengend aus.

8 Uhr 16

Von unten sehen die Alpen irgendwie besser aus. Nicht so winzig und schlecht abgebrochen.

8 Uhr 21

Das Entertainment-Programm an Bord geht in die letzte Runde: Jeder darf im Duty-Free einkaufen. Der Kapitän meldet sich. (Machen die das sonst nicht schon am Anfang?) In Rom ist schönes Wetter. Na hoffentlich. Endlich beginnt der Sinkflug.

8 Uhr 26

Die Sonne spiegelt sich im Meer, ein tiefer Wolkenschleier macht daraus einen gold-glühenden Kessel. Zivilisation lässt sich auch schon erkennen. Ein Fluss mäandriert sich durch die Landschaft. Toll, dass man jetzt sieht, was einem die Geo-Lehrerin vor zehn Jahren nicht vermitteln konnte.

8 Uhr 58

Wir passieren unentwegt Trabantenstädte. Bin mal gespannt, wie die Stadt wird. Wenn das genauso wird, dann Gute Nacht, Marie! Ich frage in der Innenstadt gleich mal nach der Botschaft, vielleicht haben die noch ein Bett für mich.

8 Uhr 59

Gelandet! Nebenan ist ein Neubaugebiet und ein Militärflughafen. Da kommt Freude auf.

9 Uhr 16

Irgendwie fahren hier Busse. Irgendwie gibt’s hier wohl auch ‘nen Fahrplan, an den sich irgendwie aber keiner hält, weil ihn auch niemand so recht versteht. Ich will wieder nach Hause. Naja, zur Not bleibt mir die Botschaft. Wenigstens ist die Landschaft abwechslungsreich: Links tolle alte Viadukte und Alleen, rechts verwilderte Deponien. Links ein Bushof, den die BVG höchstens zum Abwracken nehmen würde, rechts eine Pferderennbahn, die mehr wie ein Stadion erscheint. Ein Gebrauchtwarenhändler, bei dem sich das Gewerbeaufsichtsamt, die Hygiene und die Bausicherheit in Deutschland die Klinke in die Hand geben würden, hat die Flagge jedes Herkunftslandes seiner Autos gehisst. Schön für ihn. Die deutsche Flagge ist verkehrtrum aufgehangen. Der Wille zählt. Trotz der kleinen Absonderlichkeiten steigt mir der Geruch von Ewigkeit in die Nase und diese subtile Mischung «wir stehen über den Dingen, weil wir hier schon alles hatten. Wirklich alles» und entspanntem Stolz amüsiert und fasziniert den gewöhnlichen Deutschen einerseits, zieht ihn aber andererseits auch unbemerkt-unaufhaltsam in seinen Bann.

9 Uhr 29

Die Wohnungen machten vom Flieger aus einen wesentlich schlechteren Eindruck. Ich entscheide mich, erstmal das Hotel zu sehen und dann nochmal mit dem Botschaftsgedanken zu spielen.

9 Uhr 31

Was sagt eigentlich ein Navigationssystem im Auto zu dieser Stadt? Auf jeden Fall hat es mein Mitgefühl.

9 Uhr 34

Die scheinen hier auf Balkons zu stehen. Jedes Wohnsilo ist voll davon und wohin das Ding zeigt, spielt offenbar keine Rolle. Irgendwo muss man ja seine Klimaanlage aufstellen.

10 Uhr 10

Am Hauptbahnhof angekommen. Die Polizisten sehen vergnügt aus, wenn sie mit ihren Elektro-Rollern über die Bahnsteige tuckern. An einem Kiosk, der nur aus Auslage und einem Bewegungsschlauch dahinter besteht, decke ich mich erstmal mit einem Reiseführer und einem Stadtplan ein. Beides erschreckend billig.

10 Uhr 11

Auf dem Bahnsteig den Stadtplan zu wälzen, ist keine so tolle Idee, außerdem habe ich Hunger. Ich entscheide mich für globalisierte Nährstoffeinheiten, gehe zu McDonald’s und schlage so zwei Fliegen mit einer Klappe.

10 Uhr 23

Der Stadtplan ist ohne Straßenverzeichnis und behandelt nur den Innenstadtbereich. Deswegen war das Teil auch so billig. Also einen großen Stadtplan kaufen und danach eine Bank suchen.

10 Uhr 36

Zwei von drei Automaten sind defekt. Kein Wunder, wenn hier alles rauchend durch die Welt geht. Nur im U-Bahn-Schacht, da ist Ruhe, aber ansonsten rauche die hier überall. Ich habe meine Straße gefunden! Sie ist in der Innenstadt und hat eine Metrostation in der Nähe.

10 Uhr 50

Das U-Bahn-System geht eigentlich, wenn man es mal nicht vom deutschen Standpunkt aus betrachtet. Drei Stationen später finde ich mich auf einem Platz wieder, auf dem alle Menschen irgendwie Urlaub haben. Alle Menschen hier scheinen keinen Alltagsstress zu kennen. Aber für ein Getto sieht es zu gut aus.

11 Uhr 7

Mit ein wenig Kartenlesen und Neugier komme ich am Schluss ans Ziel. Der Weg lässt sich schneller laufen, wenn man erstmal Bescheid weiß. Prinzipiell sollten hier auch Busse fahren, aber da wäre wieder das Problem mit den Fahrplänen.

13 Uhr 36

Bin wieder am Hauptbahnhof. Brauche ja noch Shampoo. Danach geht es direkt weiter ans Kolosseum und den Circus Maximus. Langsam wird es Zeit, mich zu entschuldigen. Die Stadt ist einfach großartig. Mit Sicherheit sind deutsche Städte gepflegter, diese hier aber lebt. Man kann sie richtig atmen sehen, wenn man genau hinsieht. Wenn zum Beispiel ein Rudel älterer Herren mit Zeitungen unterm Arm diskutierend um die Häuser zieht. Oder ein halber U-Bahn-Zug die Treppe hochgeht, ohne zu hetzen oder zu drängeln. Da geht ein Kind vor uns? Na dann geht es halt vor uns, wir haben Zeit. Oder eine Frau, die in der U-Bahn singt. Die singt nicht einfach mit Gitarre oder Harmonika. Nein, wir haben einen Verstärker, ein Mikrofon und ein paar Synthesizer-Instrumentals mit, weil Que Sera sonst nicht klingt. Kurzum: Es ist Sonntag und die Stadt macht Urlaub.

13 Uhr 47

Ich sitze mit dem Rücken zum Kolosseum und stelle fest, dass es diese Stadt überhaupt nicht nötig hat, aufgeräumt und sauber zu sein, schließlich muss sie sich niemandem präsentieren. Sie ist einfach da und steht seit zweieinhalb Jahrtausenden in den Geschichtsbüchern: Sie ist die Ewige Stadt; wie eine alte Frau, die alles gesehen und erlebt hat, die für sich erkannt hat, worauf es ankommt im Leben. Diese Haltung hat sich auch auf ihre Bewohner ausgedehnt. Vielleicht besteht diese Stadt auch nur aus Lebemenschen und Lebenskünstlern.

Irgendwie scheint sich das eigene Leben auf ein paar Sekunden zu verkürzen, wenn man vor den Ruinen eines Hauses steht, dass zwischen 75 und 80 erbaut wurde.

14 Uhr 20

Das Kolosseum habe ich halb umrundet. Ich bin sprachlos: Das römische Imperium zum Anfassen. Ich stehe vor Inschriften aus dem ersten Jahrhundert und bin gefesselt. Nachdem mir klargeworden ist, dass es ja schon irgendwie der Urvater von RTL II & Co ist, entschließe ich mich, aufzubrechen.

17 Uhr

Fast drei Stunden und zweihundert Fotos später komme ich schweren Fußes wieder ins Hotel. WLAN ist nur in der Lobby, nur eine Steckdose mag meinen Laptop, kein CNN, nichtmal MTV. Aber das ist egal. Es ist Frühling an einem Sonntag.

19 Uhr 28

Das Fernsehprogramm ist sehr italienisch. Man kennt die Sender nur vom Hörensagen. Dafür gibt es hier mehr italienischsprachige Musik als bei uns deutschsprachige. Und Musik ist überall. In den U-Bahnhöfen, im Hauptbahnhof, in jedem Geschäft, man wird es quasi gar nicht los, obwohl es auch kaum auffällt. Nach dieser Stippvisite durch die italienische Medienwelt, bei der ich nebenbei die besseren Fotos ausgesucht habe, gehe ich in die Lobby, um die Qualität des WLANs zu überprüfen.

19 Uhr 32

Ich bin drin. Das war ja einfach. Der nette junge Portier wird wohl gleich nicht mehr so begeistert sein, wenn ich mit meiner Upload-Session beginnen werde. Machen wir doch mal ein Experiment…

21 Uhr 3

Ich habe fertig. Ich frage den netten jungen Herrn nach einem netten kleinen Restaurant und richtig: Er ist nicht mehr so begeistert. Daraufhin bekomme ich eine Visitenkarte von einem Lokal hier um die Ecke.

21 Uhr 8

Sobald es dunkel ist, sollte man alle Straßen, die von Autobahnen oder Schnellstraßen kommen, zu Sperrgebieten für Nicht-Einheimische erklären. Scheinwerfer kommen mit mindestens doppelter Geschiwindigkeit unaufhaltsam auf den unbedarften Touristen zu, der einfach nur eine Straße überqueren will und sich plötzlich genötigt fühlt, den deutschen Olympiaten im Bodenturnen Konkurrenz zu machen.

Das Restaurant erweist sich auch als Kaschemme, also suche ich mein Glück in der Innenstadt.

22 Uhr 14

Nachdem ich mir Rom bei Nacht angesehen habe und mir die Stadt bei Dunkelheit lauter erscheint, gebe ich die Suche auf und gehe zu McDonald’s. Nicht dass es keine Restaurants gibt, das nicht. Es gibt auch genug Bars und Kneipen, aber die kleinsten Tische, die ich sah, waren für vier. Und an so einem Tisch allein zu essen, ist noch viel trauriger, als an einem Zweiertisch allein zu essen. Am Fenster.

Die Stadt wirkt auch voller. Das liegt bestimmt an den vielen Menschen mit Koffern, die mit Monatsrationen Wurst von Mutti eingedeckt wurden, damit sie ja die nächte Woche nicht verhungern.

Die Fotos liegen übrigens hier.

Weitere Teile dieser Serie

  1. Rom - dritter Tag
  2. Rom - erster Tag (This post)
  3. Rom - fünfter Tag
  4. Rom - sechster Tag
  5. Rom - siebter Tag
  6. Rom - vierter Tag
  7. Rom - zweiter Tag

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